Naive Kunst

“Je ne vois, pour l`avenir, que l`art abstrait ou la peinture naïve” 
(Ich sehe für die Zukunft nur die abstrakte Kunst und die naive Malerei)
Wassily Kandinsky`s Prognose für die Entwicklung der Kunst
(„Naive Kunst“ S. 11; zitiert nach Anatole Jakowsky)

Die naive Kunst ist populär geworden. Lange unterschätzt hat sie seit etwa Mitte der sechziger Jahre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es gibt eine Fülle von Ausstellungen, beispielsweise zur Ruhr.2010 die Ausstellung >>Sammlung Naive Kunst: Art Brut des Vestischen Museums<<, aber auch handliches wie Bildkalender und Buchveröffentlichungen. Der Markt für naive Kunst prosperiert, Galerien schießen aus dem Boden, Warenhäuser bieten Reproduktionen naiver Kunst als Massenware an. Wer sich erstaunlicherweise sehr beim Thema Naive Kunst zurückhält, sind die offiziellen Institutionen der öffentlichen Kunstpflege. Sicher spielt dabei ein gewisser Hochmut der „hohen Kunst“ gegenüber der „Laienkunst“ eine große Rolle. Noch wesentlicher ist aber wohl die Tatsache, dass sich kaum definieren lässt, was naive Kunst eigentlich ist, denn sie lässt nicht katalogisieren, sie lebt von der unverbildeten - Individualität des einzelnen Künstlers. So ist zwar ist nicht eindeutig zu sagen, was Naive Kunst ist, ganz klar ist jedoch, was sie nicht ist! Naive Kunst ist nicht das farbfreudige Abmalen einer heilen Welt, naive Kunst ist nicht der von hochgezüchteter Ästhetik befreite Widerpart zu Teilen der modernen Kunst und naive Kunst ist weit entfernt von erbaulich sentimentalem Stimmungskitsch. Als Beweis für dieses Argument mögen die Lobeshymnen großer Künstler wie Picasso dienen, der schon 1908 Bilder des naiven Malers Henri Rosseau erwarb. Auch der Architekt Le Corbusier war dem Charme der naiven Malerei erlegen und sammelte Bilder des naiven Malers Andrè Bauchant.

Naive Kunst als Ausdruck von Individualität

Naive Kunst wird weniger über ihren Stil definiert, sondern eher über die Individualität der Künstler, denen zuerst gemeinsam ist, dass sie keine Kunstausbildung genossen haben, oft sogar nicht mal Zugang zu „großer Kunst“ hatten. Die Sprache der Werke naiver Künstler zeigt deutlich diesen Mangel an Ausbildung, und genau dieses Fehlen von formalem Können macht das unverwechselbarer der „primitiven“ Kunst, wie sie früher auch genannt wurde, aus. Als Bildgegenstand verwenden die meisten naiven Künstler Motive aus der sie umgebenden Alltagswelt, doch – aus Mangel an Ausbildung – wird die Abbildung der tatsächlichen Welt bei ihnen plakativ überzeichnet, ist manchmal detailversessen oder übergenau. Zur Kunst wird die Naive Kunst – und darin unterscheidet sie sich eben dann doch von den meisten Kinderzeichnungen – durch das sichere Gespür des Künstlers für Bildaufbau, Farben und Formen. Und genau dieses Gespür macht die Einzigartigkeit jedes naiven Künstlers aus – und grenzt ihn zugleich sowohl von der hohen Kunst als auch von den oft ebenfalls sehr bunten „Kinderzeichnungen“ ab.

Kurze Geschichte der Naiven Kunst

Erstmals erwähnt wurde die Naive Kunst im 18. Jahrhundert im Westen der Vereinigten Staaten. Die Gebrauchsmalerei von wandernden Künstlern, die mehr aus einem inneren Drang als für den Verkauf malten, wurden unter dem Namen Naive Malerei zusammengefasst. Bekannte Maler dieser Epoche waren beispielsweise die Farmersfrau Anna Mary Moses (1860 – 1961) und der Prediger Edward Hicks (1780 – 1849). Leider sind nur sehr wenige Werke aus dieser frühen Epoche erhalten, da die Kunst der Naiven damals noch nicht als Kunst galt. 

Edward Hicks (1780 – 1849)

Anna Mary Moses (1860 – 1961)

Henri Rousseau und Pablo Picasso

Der erste, von dem als naivem Maler gesprochen werden kann, ist der 1844 in Laval geboren Zollbeamte Henri Rousseau (1844 – 1910). Entdeckt wurde der „Columbus der Naiven“ wie Oto Bihalji-Merin ihn bezeichnete, wahrscheinlich im Jahr 1885 von den Malern Paul Signac und Maximilien Luce, die Rousseau in den Pariser „Salon der Unabhängigen“ einluden, in dem er bis zu seinem Tode dann auch jährlich ausstellte. Im Zuge dieser Ausstellungen stießen auch Künstler wie Picasso und Paul Gauguin auf die Werke des Zollbeamten – und waren hin und weg von den naiv-unverbildeten Bildern des Malers.

Wahrscheinlich war die Zeit einfach für Neues in der modernen Kunst, hatte doch selbst der Impressionismus schon seinen Höhepunkt überschritten. Die Wertschätzung, die die großen Künstler dem Maler Henri Rousseau entgegenbrachten, bedeutete jedoch keinesfalls, dass die Öffentlichkeit deren Ansichten teilten. Ganz im Gegenteil – Häme und Spott ergossen sich über den Maler. Niemand –außer Picasso, Wilhelm Uhde und der Kunsthändler Vollard -  kaufte die naiven Kunstwerke. Heute wissen wir, dass Henri Rousseau, der ständiger Gast im „Bateau Lavoir“ gewesen war, stilbildend für Kubismus, Surrealismus und magischen Realismus war. Von Beginn an befruchtete die naive Kunst die moderne Kunst – die ständig nach Erweiterung ihres Rahmen lechzte und diese in der naiven Malerei entdeckte. 

Henri Rousseau (1844 – 1910)

Louis Vivin und Wilhelm Uhde

Nach dem Erfolg Rousseaus bei den modernen, anerkannten Künstlern setzte die Suche nach weiteren Vertretern der „Volkskunst“, der Laienmalerei beziehungsweise der bäuerlichen Malerei, wie die naive Malerei auch genannt wurde, ein. Der erste Kunstsammler, der sich hier engagierte, war der deutsche Wilhelm Uhde (1874 - 1947), der dann dann auch den Postangestellten Louis Vivin (1861 - 1936) entdeckte. Diese benutzte passenderweise farbige Postkarten als Modelle, aus denen er Stein für Stein gemalte fantastische Architekturbilder erschuf. Schon 1889 war Vivin an einer einer Ausstellung der französischen Sonntagsmaler beteiligt. Wie begehrt die Bilder das Malers heute sind, konnte am 11.Februar 2011 bei einer Christie`s Auktion beobachten, als ein Bild von Louis Vivin („Le marché“ ), das einen Schätzwert von rund 2.800 Dollar hatte, für fast 8.000 Dollar versteigert wurde.

Wilhelm Uhde (1874 - 1947)

Louis Vivin (1861 - 1936)

Auguste-Andrè Bauchant und Le Corbusier (1873 – 1958)

Ein weiterer Großer unter den Naiven war der 1873 in französischen Château-Renault geborenen Auguste-Andrè Bauchant (1873 – 1958), der, wie sein Vater, von Beruf Gärtner war, jedoch im Ersten Weltkrieg als Geländezeichner arbeitete und erst nach der Entlassung aus dem Militär zu zeichnen begann. Die Bilder Bauchants haben ein weites Spektrum. Zunächst malte er mythologische und geschichtliche Themen, danach Blumenbilder, Landschaften und Szenen freier Erfindung. Größter Fan des naiven Malers und zugleich sein Entdecker war der Architekt Le Corbusier (1887 – 1965), der sowohl die erste Ausstellung im Jahre 1921 im Pariser Herbstsalon organisierte als auch nach seinem Tod die umfangreichste Sammlung von Werken Bauchants hinterließ.

Auguste-Andrè Bauchant (1873 – 1958)

Seraphine Louis (Sèraphine de Senlis) und Wilhelm Uhde

Die naive Künstlerin Seraphine Louis (1864 – 1942) war in ihrer Kindheit Schafhirtin und verdiente später ihren Lebensunterhalt als Putzfrau. Wann sie begann zu malen, ist nicht bekannt. Im Jahre 1912 wurde sie vom Kunstsammler Wilhelm Uhde entdeckt, der von nun an ihre Werke sammelte. Um die Bilder der Sèraphine de Senlis, deren Themen hauptsächlich Blumen, Früchte und Blüten sind, die sich in seltsam anmutende wuchernde imaginäre Vegetation verwandeln, ranken sich viele Legenden. Aufgrund der magischen und visionären Ausstrahlung ihrer Bilder wurden sie schon früh in die Ausstellungen der Surrealisten aufgenommen. Die Malerin selbst bekam von alldem nicht viel mit. Sie starb einsam und vergessen, völlig verarmt im Armen- und Irrenhaus Senlis in Clermont. Heute erinnert man sich ihrer. Im Jahre 2008 drehte Martin Provost den mehrfach preisgekrönten Film "Séraphine", der warmherzig vom Leben der malenden Putzfrau erzählt.

Seraphine Louis (Sèraphine de Senlis) (1864 – 1942)

Kunstsammler Wilhelm Uhde und Maler des heiligen Herzens

Schon mehrfach erwähnt wurde der Kunstsammler Wilhelm Uhde (1874 – 1947), der sowohl den Impressionisten und Kubisten eng verbunden war, als auch den naiven Malern. Er entdeckte nicht nur Rousseau, sondern eben auch Picasso. Im Jahre 1928 organisierte er die erste große Ausstellung naiver Malerei unter dem Titel „Maler des heiligen Herzens“, auf der er Bilder von Rousseau, Bauchant, Vivin, Seraphine und Bombois zeigte. Im Jahr 1944 erschien Uhdes Grundlagenwerk zur Naiven Kunst unter dem Titel „Fünf primitive Maler“. Dieses Buch brachte die Debatte darüber, was naive Kunst überhaupt sei, ins Rollen -  eine Diskussion, die übrigens bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

  • Buch über die „Maler des Heiligen Herzens“ - Charlotte Zander: Die Maler des heiligen Herzens. Andre Bauchant, Camille Bombois, Henri Rousseau, Seraphine Louis, Louis Vivin. Wachter Verlag, Bönnigheim. 1996. – hier erhältich www.zvab.com/advancedSearch.do  
  • Uhdes Buch – Wilhelm Uhde: Fünf Primitive Meister. Zürich, Atlantis, 1947. – hier erhältlich www.zvab.com/displayBookDetails.do

Adalbert Trillhaase und Otto Dix in Deutschland

Seit dem Erfolg der französischen Naiven suchte man überall nach eindrucksvollen Laienmalern. Und wurde fündig. Als der deutsche „Rousseau“ gilt der Erfurter Kaufmann Adalbert Trillhaase (1858 – 1936), der erst im Alter von sechzig Jahren zur Malerei kam, angeregt vom gärenden Künstlerkreis des Rheinlandes, der sich gerne in der Kaffeestube seiner Mutter Ey traf. Trillhaases Bilder behandeln hauptsächlich biblische Themen. Alle zollten sie dem alten Sonderling Bewunderung, sowohl Jankel Adler als auch Max Ernst und Karl Scheswig. Einer von Trillhaases größten Bewunderern – Otto Dix - widmete der Familie sogar 1923 sogar ein Gemälde – >>Die Familie Trillhaase<<  - das sich heute in der Neuen Nationalgalerie befindet. 

Adalbert Trillhaase (1858 – 1936)

Nikifor, der taubstumme Bettler in Polen

Nikifor (Epifaniusz Drowniak, 1895 – 1968) scheint fast, wie auch Sèraphine de Senlis, der Prototyp des naiven Künstlers zu sein. Als taubstummer, bettelnder Analphabet bot er auf den Straßen des südpolnischen Badeortes Krycina seine kleinen Aquarelle zum Verkauf an an, meist Darstellungen von Architekturen, Landschaften, Kirchenräumen und Heiligen. Der malende Bettler, der nur nuschelnd sprechen konnte, vermittelte über seine Bilder seine ureigene Innenwelt - die eines naiv unbefangenen, ungebildeten einfachen Menschen nach außen – und eroberte damit über die Augen des Betrachters die Herzen. Das ist das Wesen naiver Malerei.

Nikifor (Epifaniusz Drowniak, 1895 – 1968)

Pseudonaive und Naive - Die jugoslawisch – kroatischen Bauernmaler

Sie gelten heute als eigentlichen naiven Maler, die Gruppe um den Zagreber Kunstmaler Krsto Hegedusi? (1901 - 1975), der in seinem Heimatdorf Hlebine die gleichnamige naive Malschule begründete, aus der Maler wie Franjo Mraz (1910-1981), Mirko Virius (1889–1943 ) und Ivan Generali? (1914 – 1992) hervorgingen. Dabei sind genau die Künstler keine naiven Maler, denn das Wesen naiver Kunst ist ihre Individualität, und diese ist nicht lehrbar, sie kann nicht in kollektiver Einheitlichkeit auftreten und sie kann nicht unter kommerziellen Bedingungen massenweise hergestellt werden, wie es sich ja genau mit den in alle Welt exportierten Glasbildern der Schule von Hlebine verhält. Gleiches gilt übrigens auch für das vom Holländer de Witt Peters 1945 in Port-au-Prince gegründete Kunstzentrum, in dem zwar Laien pseudonaive Bilder malen – quasi in Heimarbeit - aber eben auch unter Anleitung. Zweck des Ganzen: der massenweise Export nach Europa und in die USA. Zurück nach Kroatien. Neben der pseudonaiven Hlebiner Schule entstand hier auch authentische naive Kunst. Beispielhaft dafür sind die faszinierenden Architektur- und Städtebilder des Knopf- und Kammachers Emerik Fejes (1904-1969), die phantastischen Darstellungen des Bauern Ilija (Ilija Bosilj-Basicevic, 1895-1972) aus Sid oder die surrealistischen Bilder des Anstreichers Matija Skurjeni (1898-1978) aus Veterenica.

Schule von Hlebine

Ilija Bosilj-Basicevic (1895-1972)

Naive Kunst in Deutschland

Naive Kunst ist, wie es dieser Artikel schon zeigt, weltweit über Museen und Ausstellungen verstreut. Wer sich einen Eindruck und Überblick verschaffen möchte, dem bieten sich auch in Deutschland drei eindrucksvolle Anlaufstellen.

  • Die herausragenste Sammlung Naiver Kunst findet sich zweifelslos im Museum Charlotte Zander in Bönnigheim in dem sich seit 1996 die Privat-Sammlung von Charlotte Zander befindet, deren Vorliebe den klassisch französisch Naiven galt. Zum Museum Chalotte Zander - http://www.sammlung-zander.de/index.html 
  • Das Clemens – Sels – Museum in Neuss ist wohl das einzige Museum, das neben Sammlungen großartiger anderer Kunstwerke, auch einen Schwerpunkt auf die naiven Künstler setzt, die in Neuss immer noch >>Primitive Künstler<< genannt werden. Zum Clemens – Sels-Museum - http://www.clemens-sels-museum-neuss.de/cms/front_content.php?idart=76&idcat=57&lang=1&client=1 
  • Immer noch ein Geheimtipp für echte naive Malerei von nahezu unbekannten und vor allem nichtkommerziellen Künstlern ist das Museum Haus Cajeth in Heidelberg. Die dort ausgestellte Sammlung wurde und wird von Egon Hassbecker zusammengetragen. Hier geht es zum Museum Haus Cajeth- http://www.hilfe-hd.de/cajeth/ 
  • Zwar nicht in Deutschland, aber auch nicht so weg, nämlich in der Schweiz kann man sich im Museum im Lagerhaus umfassend von Naiver Kunst, aber auch der angrenzenden Art-Brut beeindrucken lassen. Zum Museum im Lagerhaus  http://www.museumimlagerhaus.ch/museum/sammlung/art-brut/