Adolph Wölfli (1864 – 1930)

  • eigenständiger Künstler, wenn Einordnung, dann Art Brut – Outsider Art
  • wichtiger Maler der Art Brut
  • geboren 1864 in Bern – gestorben 1930 in der Anstalt Waldau 
  • Hauptmotiv: die Erschaffung der Skt. Adolf Riesen Schöpfung
  • Werk: 25.000 Seiten Musik, Schrift und Bild

Adolph Wölfli (1864 – 1930) gilt als einer der großartigsten Vertreter der Art Brut, auch Outsider-Art genannt. Eingewiesen in die psychiatrische Klinik Waldau schuf er ein gigantisches Werk, dass nicht nur Malerei, sondern auch Text und Musik umfasste. Noch heute wird versucht, diesen Ausbruch von Kreativität und Wahn zu verstehen, zu analysieren und zu transkribieren. Allein Wölflis auf 50 Zentimeter großen Papierbögen in kalligrafischer Schönschrift angefertigte Autobiografie ergibt übereinandergelegt einen fast über zwei Meter hohen Stapel. Was wollte Wölfli der Welt mit diesem Mammut-Werk sagen? Oder erschuf er schlicht nur seine eigene Welt?

Adolf Wölfi –ein schizophrener notzüchtiger Knecht

«Als Kind armer heruntergekommender Eltern wurde ich den 29ten Februar auf der Nüchtern bei Bowyl geboren. [...] Der Vater, seines Berufs Steinhauer, zog als ein liederlicher Mann, bald hier bald dort im Lande herum. [...] Hatte Er aber einen zahltag oder zwei in der tasche, so begab er sich damit, anstat nach Hause, um seine armen Bengel und ihre Mutter damit zu unterstützen, in die verruffesten Schnaps u. Hurrenkneipen, wo Er unter seinesgleichen den mühsam verdienten Lohn verprasste. [...] Die Mutter [...] gebahr im 7 Söhne, von welchen ich der jüngste bin. Schwester hatte ich keine. Zwei meiner Brüder starben schon in den Kinderjahren. Ohne mithilfe des Vaters konnte uns die Mutter (Sie war meines wissens Wäscherin) nicht lange erhalten, wir wurden alle 5 von der Heimathgemeinde erzogen.»
Soweit Wölfli in seiner «Kurzen Lebensbeschreibung», die er auf Aufforderung der Ärzte 1895 als Untersuchungsgefangener in der Waldau verfasste (abgedruckt in: Walter Morgenthaler: Ein Geisteskranker als Künstler, Bern/Leipzig 1921, S.95-104).

Am 29. Februar 1864 wird Adolf Wölfli als siebentes Kind in Bowil im Kanton Bern geboren. Die Familie war bitterarm. Die Mutter arbeitete als Wäscherin und soll sich auch gelegentlich prostituiert haben. Der Vater ist Steinmetz von Beruf, passionierter Trinker und mehrfach straffällig geworden. Aus ungeklärten Gründen verlässt er die Familie im Jahr 1870 – der kleine Adolf ist gerade sechs Jahre alt. Wölflis Mutter wird krank. Die Gemeinde Bern greift im Zuge der Armenfürsorge ein und 1872 werden der nun achtjährige Adolf und seine Mutter, getrennt voneinander, bei Bauern in der Umgebung als Arbeitskräfte untergebracht. 1873 verstirbt die Mutter. Der Vater ist zu dieser Zeit – wieder einmal – im Gefängnis. Adolf bleibt als >>Pflegekind<< bei Bauernfamilien untergebracht, wobei Pflege damals härteste Arbeit und entwürdigende Lebensbedingungen bedeutete. Adolf wird geschlagen, umhergestoßen und ein Schulbesuch ist undenkbar – schließlich muss der Junge sich sein Brot erarbeiten.

Notzucht und Verliebtsein

Eine Zuflucht werden für den heranwachsenden Jungen die Mädchen, das Verliebtsein. Aber schon seine erste Liebe, im Alter von 18 Jahren, zur Tochter eines Bauern, scheitert an Adolf Armut. Die Eltern verbieten der Tochter den Umgang mit dem mittellosen Knecht. Weitere Liebesverhältnisse scheitern ebenfalls, vielleicht aus demselben Grund.

Wölfli verlagert sein Begehren auf immer jüngere Mädchen. Er vergeht sich an einem vierzehnjährigen und wohl an einem fünfjährigen Mädchen. 1890 wird er wegen versuchter Notzucht verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung – 1892 – bekommt der Sträfler keinen Fuß mehr auf den Boden; er ist isoliert und vereinsamt. 1895 vergeht er sich an einem Kleinkind, einem dreieinhalbjährigen Mädchen.

Vom Gefängnis aus wird er in die Irrenanstalt Waldau überwiesen, um seinen Zustand auf Zurechnungsfähigkeit zu untersuchen. Die Diagnose lautet auf Schizophrenie. Adolf Wölfli wird in der Irrenanstalt interniert und isoliert, da er gewalttätig und jähzornig ist. Von 1897 an verbringt der Schizophrene unglaubliche zwanzig Jahre in einer Einzelzelle, wobei er ab 1899 anfängt zu zeichnen – und zu schreiben. Erst kurz vor seinem Tod halten die Ärzte Wölfli für stabil genug, um ihn aus der Einzelzelle zu entlassen. 1930 verstirbt Wölfli in Waldau.

Ein Künstler und sein verschlüsseltes Werk

«Natuhrvorscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, COMPONIST, Landarbeitter, Melker, Handlanger, Gäärtner, Gipser, Zementter, Bahn-Arbeitter, Taglöhner, Scheeren-Schleiffer, Fischer, Schiffer, Jäger, Welsch-Heuer, Tohtten-Gräber, und Soldat des Emmenthaler-Battaillons, 3. Kompanie, 3. Sektion. Ebjä!!»

Ab dem Jahr 1899 – im Alter von fünfunddreißig Jahren – beginnt der eingesperrte, an Verfolgungswahn leidende Wölfli zu zeichnen, zu schreiben und Musik zu komponieren, die er auf selbstgebastelten Blasinstrumenten spielt. Anfangs wird das Material, das ihm zur Verfügung steht, vor allem Papier und Stifte, noch knapp gehalten, Wölfli muss bei seinen Wärtern betteln. Zeichnungen aus dieser frühen Zeit sind nicht erhalten.

Bald wurden die Ärzte jedoch auf Wölflis Tun aufmerksam, stellten zudem fest, dass sein Schaffen ihn beruhigte, und stellten dem Kranken Material zur Verfügung. Wölfli konnte sich von nun an komplett seinem Werk widmen, dass zu seinem Tod 25.000 Seiten Malerei, Text und Musik (in seiner eigenen Notenschrift) umfasste.

1904 bis 1906 - Frühphase

Adolfs Wölflis Bleistift-Zeichnungen aus der Frühphase bilden eine geschlossene Gruppe von beieindruckender zeichnerischer Qualität und visionärer Ausdruckskraft. Zu erkennen sind schon formale und inhaltliche Elemente, die sich später als Grundbaustein von Wölflis Werk herauskristallieren werden. Formen werden schraffiert und ineinander verschlungen. Ornamentbänder geben Halt. Die Bilder leben von ihren Helldunkel-Kontrasten. Schneckenformen verwandeln sich, aber auch ein Dreiecksgesicht ändert ständig seine Form. Die vielen Zahlen in den Zeichnungen sind wohl als Angaben von musikalischen Rhythmen zu verstehen. Personen, die Wölfli kennt, aber auch Personen der Zeitgeschichte sind abgebildet, sowie Motive aus der Bibel und der Geschichte. Wo an dieser Stelle die Frage erlaubt sei, woher Wölfli, der nie eine Schule besucht hatte, eigentlich den Zugang zu diesem Wissen nahm. Insgesamt sind in Wölflis Frühphase 800 einzelne Zeichnungen entstanden.

1908 – 1912 – >>Von der Wiege bis zum Grab<<

Im Jahre 1908 beginnt Wölfli seine ureigene, fantastische Lebensgeschichte zu erschaffen und aufzuschreiben, die am Ende 2970 Seiten umfassen wird. Der Text beginnt mit der Zeile >>Von der Wiege bis zum Graab. Oder, Durch arbeiten und schwitzen, leiden, und Drangsal bettend zum Fluch<<.

Inhalt der Geschichte: Adolf Wölfli wird das Kind Doufi, das mit seiner Familie um die Welt reist, um eine Welt, die Wölfli selbst erschaffen hat. Natürlich illustriert der Maler Adolf Wölfli die selbst erschaffene Biografie reichlich, und erstmals bunt, stehen im doch jetzt Farbstifte zur Verfügung.

Er malt Kathedralen, Landkarten und erstellt Porträts von Personen. Selbst reiner Text ist grafisch gegliedert, zum einen durch die gleichmäßige Schrift, aber auch durch Vergrößerung, Hervorhebung oder Koloration von Wörtern und einzelnen Buchstaben. Insgesamt sind in diesem epischen Gesamtkunstwerk 752 Illustrationen enthalten – und natürlich, wie überall in Wölflis Werk, auch wieder Musikpartituren.

1912 – 1916 - >>Geographische und Allgebräische Hefte<<

Auf weiteren 3.000 Seiten in seinen >>Geographische und Allgebräische Heften<< wird Wölfli konkret. Die Welt, die er in seiner Biografie erschuf, wird ausgebaut, bis sie die ganze Erde und den ganzen Kosmos umfasst. Die >>Skt. Adolf Riesen Schöpfung<< entsteht. 1916 ernennt sich Wölfli sich selbst zum >>Riesen<< dieser Welt und tauft sich auf den Namen >>Skt. Adolf der Zweite<<. Neu an der Skt. Adolf Riesen Schöpfung: die Illustrationen verschwinden, sie werden durch Zahlen und Notenbilder ersetzt.

1917 – 1928 – Hefte mit Liedern und Tänzen/ Albumhefte mit Tänzen und Märschen

In allen darauffolgenden Schriften variiert Adolf Wölfli das Thema der Skt. Adolf Riesenschöpfung. Aus den Illustrationen der frühen Schriften werden in den Heften mit Liedern und Tänzen (1917 – 1922) eingeklebte Reproduktionen oder auch Collagen, die zum Teil mit gezeichneten Zierleisten ergänzt werden. Ähnlich sind die >>Allbumm-Hefte mit Tänzen und Märschen<< (1924-1928) aufgebaut. Neu sind hier Moritaten-Verse, in denen Wölfli Begebenheiten oder Personen der Zeitgeschichte besingt.

Wölfli und die Brotkunst und die Nachwelt

Parallel zu seinen Schriften hatte Wölfli schon ab 1916 Bilder nur für den Verkauf, als sogenannte >>Brotkunst<< hergestellt. Dabei ging es nicht um große Summen, verkauft wurde zumeist für Stifte, Papier und Tabak. Vieles wurde aber auch verschenkt, an Ärzte, Bekannte oder Besucher, denn Wölflis Ruf als Künstler war längst über die Grenzen der Anstalt Waldau hinausgedrungen. Als Erster hatte sich der Psychiater Walter Morgenthaler, der Wölfli als Patient kennenlernte, für den Künstler interessiert und eine Monografie unter dem Titel >>Ein Geisteskranker als Künstler<< veröffentlicht, die für heftiges Aufsehen sorgte und Wölfli der Welt bekannt machte. Rainer Marie Rilke ist begeistert vom Werk des Künstlers, seine Freundin Andreas-Salomè empfiehlt es weiter an Siegmund Freud. Erste Kunstsammler und -liebhaber besuchen den berühmten Insassen von Waldau und erwerben Werke der Brotkunst. Die Surrealisten entdecken die Kraft in Wölflis Bildern und einige Monate vor seinem Tod gibt es die erste Adolf Wölfli Ausstellung in Winterhur.

Der Künstler und die Nachwelt

Der große Durchbruch für des Werk von Adolf Wölfli kommt jedoch erst 1945. Auf seiner Reise in die Schweiz im Jahr 1945 entdeckt der Vater der Art Brut, John Dubuffet das Werk von Wölfli. Und verleibt es seiner Collection de l`Art Brut ein. Wölflis Zeichnungen werden Grundpfeiler der gesamten Sammlung. Mehr als 100 einzelne Zeichnungen werden 1948 in der Galerie der «Compagnie de l’Art Brut» ausgestellt.

Weitere Ausstellungen folgen: 1963 zeigt Harald Szeemann Werke Wölflis in der Kunsthalle Bern; 1971 werden 4 Schränke und eine Vielzahl von Zeichnungen Wölfli sauf der documenta 5 in Kassel gezeigt. 2003 zeigt das American Folk Museum in New York Wölflis Werk unter dem Titel „The Saint-Adolf-Giant Creation: The Art of Adolf Wölfli“. Die Ausstellung wird ein Publikumserfolg. Schon 1975 war im Kunstmuseum Bern unter der Leitung von Elka Spoerri die >>Wölfli-Stiftung<< gegründet worden, die sich der Aufbewahrung, Präsentation und Interpretation seines Werkes verpflichtet fühlt. So sind mittlerweile auch Teile von Wölflis Schriften erschienen. Sogar die rätselhaften Partituren, für die Wölfli eine eigenständige Notation entwickelt hatte, wurden übersetzt und aufgeführt.


Quellen und Weiterführendes

Quellen:

Weiterführendes: