Michelangelo Pistoletto (Geb. 1933)

  • Vertreter der Pop-Art / Arte Povera
  • Gründer der Stiftung Fondazione Pistoletto (1998)
  • Italienischer Maler und Installationskünstler
  • Hauptmotiv: Spiegelbilder aus blankpoliertem Stahl und Fotocollagen
  • Werke: u. a. >>Plus und Minus Objekte<<; >>Lumpenvenus<<
  • Werke online - www.pistoletto.it/eng/crono.htm

Michelangelo Pistoletto ist als Künstler ein Autodidakt, dessen hervorstechendes Merkmal wohl die Vielfalt ist, die aus Rebellion und Ironie resultiert. Daher ist der Künstler auch schwer in nur einer künstlerischen Richtung zu verorten. Man nennt seine frühen Werke Pop-Art, seine >>Lumpenvenus<< hingegen eines der wichtigsten Werke der Arte Povera. Heute gilt der Maler, Objekt und Aktionskünstler in Italien als wandelnder Mythos – der sich jeder Einordnung entzieht. 1998 erfüllte Pistoletto sich einen Traum und gründet in einer alten Wollfabrik die Pistoletto-Stiftung. Die >>Cittadellarte<< soll zu einem magischen Ort werden, wo sich in geschütztem Raum zum einen Kunst nähren und entwickeln kann sich aber gleichzeitig hin zur Welt öffnet, um in Wechselbeziehung zu ihr zu treten. Lassen wir den Künstler selbst zu Wort kommen, zu zentralen Themenbereichen wie Aktualität und Kunst und Aktion, denn >>Nur das Material und die Sprache geben dauerhaft Zeugnis von meinem Tun in einem bestimmten Augenblick.<< (Pistoletto in Bätzer, S. 209)

Michelangelo Pistoletti - Zitate

Pistoletto zum Thema Aktualität und Sprache:

„Eine aktuelle Sprache wird inaktuell – wenn ein Künstler sie längere Zeit verwendet, ist er nicht mehr der Protagonist der Sprache, sondern er wird deren ausführendes Organ und verläßt damit die aktuelle Zeit. Es gibt allerdings keinen richtigen Augenblick, um die Sprache zu erneuern: Es ist immer zu spät, wenn man einen allgemeinen Evolutionsmechanismus akzeptiert. Es ist notwendig, daß die künstlerische Aktion in sich ein individuelles dynamisches System enthält.“;
Bätzer, S. 209-210)

Pistoletto zu seinen Arbeiten und Aktionen

„Ich bin daran interessiert, meine Aktionen außerhalb der im üblichen Sinn verstandenen Zeit zu stellen. Es ist für mich nicht wichtig, daß eine meine Arbeiten der allgemeinen, aktuellen Notwendigkeit entspricht oder nicht entspricht, sondern daß jede Arbeit eine reale und zufällige Wahrnehmung ausdrückt und daß sie sich von der vorangegangenen Ausdrucksform unterscheidet.“
(Bätzer, S. 211)

Pistoletto zum >>Künstler<<:

„Die Spekulation. Wenn ein Mensch merkt, daß er zwei Leben hat, ein abstraktes, in dem er mit seinen Gedanken (seinem Geist) lebt, und ein konkretes, in dem er auch mit seinen Gedanken lebt, endet er entweder wie der Verrückte, der eins von seinen Leben aus Angst versteckt und das andere vorspielt – oder er endet wie der Künstler, der keine Angst hat und beide riskiert.“ 
(Bätzer, S. 214)

Kurze Lebensgeschichte

Michelangelo Pistoletti wurde im Jahr 1933 in Biella in Italien geboren. 1934 zog die Familie nach Turin. Sein Vater, ein Maler, war von Beruf Restaurator, und in dessen Werkstatt erhielt der kleine Michelangelo frühe künstlerische Impulse und eine erste handwerkliche Ausbildung. Von seinem 14. Lebensjahr an arbeitet Pistoletto zusammen mit seinem Vater in dem Restaurationsstudio. Später besuchte er eine zeitlang die Armando Testa-Werbung Design Schule.

Die Kunstbewegung im Turin der Nachkriegszeit beeinflusste den jungen Pistoletto. Schon in den 50er Jahren beginnt er sich als Künstler zu erproben – vor allem in Form von Selbstporträts und ersten figurativen Arbeiten. Eine Phase immensen künstlerischen Schaffens beginnt. Ab 1955 stellte der Autodidakt Pistoletto seine Arbeiten - Gemälde, Skulpturen, Objekte und Installationen - aus, und bekam schon 1958 den San Fedele Preis in Milan verliehen. 1960 hatte der Künstler die erste Einzelausstellung in der Galeria Galatea in Turin. Im selben Jahr noch erstellte Pistoletto verschiedene lebensgroße Selbstporträts auf gold-, silber- oder kupferfarbenen Hintergründen. 1961 schuf er eine Serie von Arbeiten mit dem Titel >>Il Presente/Die Gegenwart<<, bei denen er sein eigenes Gesicht auf einem schwarzen Hintergrund auftrug, den er mit spiegelnden Lack überzog. Pistolettis begann mit der Reflexion von Spiegeln zu experimentieren, die ihn sein ganzes künstlerisches Leben lang – von einigen Pausen abgesehen – begleiten wird.

Pistoletti und die Spiegel

„In meinen spiegelnden Bildern erzeugt die dynamische Spiegelung nicht den Ort, denn sie reflektiert bloß einen vorhandenen Ort – die statische Silhouette macht nichts anderes, als einen bereits existierenden Ort erneut hervorzubringen. Aber ich kann einen Ort erzeugen, indem ich den Übergang zwischen photographischen Reproduktionen und dem Spiegel provoziere. Dieser Ort ist die ganze Zeit.“
(Bätzer, S. 208)

Im März 1962 stellte Pistolleti in der Galerie Promotrice in Turin das erste spiegelndnde Bild mit dem Titel >>Il presente/Die Gegenwart<< aus. Der gemalte Mann (auf diesem Bild) nähert sich dem Betrachter, als würde er im lebendigen Raum dieses Objektes leben. Wobei die wahre Hauptperson dieses Kunstwerkes, folgt man den Gedanken von Pistoletti, das Verhältnis der Gleichzeitigkeit ist, das sich zwischen dem Betrachter, seinem Spiegelbild und der gemalten Figur herausbildet. Dem Künstler geht es in seinen Objekten um Dimensionen der Zeit.

Mit seiner Kombinationstechnik aus Malerei und reflektierenden Spiegeln, deren Technik er perfektionierte und die einzigartig war,  wurde Pistoletto seit 1962 zu einem wichtigen Vertreter der Pop-Art. Seine >> Quadri specchianti/Spiegelbildern<< wurden im März 1963 erstmals in der Galleria Galatea in Turin gezeigt. Dort erregten sie großen Aufsehen und Pistoletti avancierte zu einem international anerkannten Künstler, der auf allen wichtigen Pop-Art und Nouveau Realisme-Ausstellungen gezeigt wurde.

Zudem hatte der Künstler in den sechziger Jahren zahlreiche Einzelausstellungen in Europa und in den USA, unter anderen 1964 in der Galerie Sonnabend in Paris, 1966 im the Walker Art Center in Minneapolis, 1967 im Palais des Beaux Arts in Brussels, 1969 im Boijmans van Beuningen Museum in Rotterdam. Im Jahr 1967 erhielt er den belgischen Kritikerpreis und dem der São Paulo Biennale. Die >>Quadri specchanti<< waren und sind die Grundlage und Substanz von Pistoletti Kunst, aber auch die seines theoretischen Denkens, dass er immer parallel zu seinen Kunstwerken entwickelt – und veröffentlichte. Denn der eigentliche Kunstrebell zeigt sich erst in den sprachlichen Interpretationen seiner Installationen.

Die Arte Povera-Phase

Im Jahr 1964 wurde in der Galleria Sperone in Turin Pitolettos Werk >> i Plexiglass/ Plexiglas<< gezeigt, dass eine neue Dimension seiner Spiegelbilder zeigte, die sich zum Realen hin öffnete und in Richtung >>conceptual art<< zu interpretieren war.

Zwischen 1965 und 1966 stellte der Künstler erstmals seine >>Oggetti in meno/ Minusobjekte<< aus. Die Minusobjekte, bei denen es um die Dimension der Zeit und das Prinzip der Vielschichtigkeit geht, brachen mit dem Dogma eines einheitlichen künstlerischen Stil, der für einen Künstler zu gelten bis dato zu gelten hatte. Die Minusobjekte wurden in ihrer Radikalität, und natürlich auch in ihrem Raum-Zeit-Gefüge, womit Turin/Italien und das Jahr 1967 gemeint ist, fundamental für die Entwicklung, beziehungsweise für die Geburt der Kunstrichtung Arte Povera, deren Namensgeber (und Kurator) Germano Celant war, während Pistoletto zu einer führenden und treibenden Kraft dieser Stilrichtung wurde. Er selbst sah sich übrigens immer eher als Randfigur, und begriff wohl schon früh, dass Arte Povera ein marktgängiger Name für Kunst war, die sich nicht in bestimmte Kategorien pressen ließ.

Manifest der Zusammenarbeit

Gerade als Mitbegründer einer neuen >>armen<< Kunstrichtung gefeiert (so lautet die Übersetzung für Arte Povera), beschließt Pistoletto im Jahr 1967 seine Werke außerhalb des am Kunstmarkt orientierten Galeriegeschehens zu platzieren. Im Dezember dieses Jahres verkündet er in einem Manifest die Öffnung seines Studios. In diesem Zusammenhang bildet sich zwischen 1967 und 1970 um Pistolettos Studio herum die >>lo Zoo<<-Gruppe, in der Künstler verschiedenster Richtungen und Stile zusammentrafen, um mit Pistoletto kreative Aktionen zu starten – abseits des Kunstmarktes, zumindest war es so gedacht. Dem Erfolg des Künstlers schadete das alles nicht.1968 wurde er erstmals zur Biennale nach Venedig eingeladen und veröffentlichte hier sein >>Manifesto of Collaboration/ Manifest der Zusammenarbeit<<. Ebenfalls 1968 entsteht seine erste große >>Venus<<, eine klassische weiße Marmorstatue, die vor einem riesigen, sie überragenden Kleiderberg aus Lumpen steht. Jahre später wird diese Statue, die Pistoletto vielfältig fertigt, zum  die Sinnbild der Arte Povera avancieren.

Räume und Spiegel

Zwischen Oktober 1975 und September 1976 schafft Pistoletto ein Werk, das er mit >>Le stanze / Räume<< betitelt und das so umfangreich ist, dass es in zwölf Einzelausstellungen unterteilt, in der Galerie Stein in Turin gezeigt wird. >> Le stanze /Räume<< ist seine erste Arbeit von einer Serie von Werken die in den darauffolgenden Jahren entstehen und später als >>continenti di tempo /Zeitkontinente<< bezeichnet werden wird. Ebenfalls 1976 erscheint das Buch >>Centro mostre nel mese di ottobre / Einhundert Ausstellungen im Monat Oktober<<, in dem der Künstler hundert Ideen vorstellt, von denen er viele in den folgenden Jahren tatsächlich umsetzt. Auch in dieser Phase sind es immer noch Spiegel, die Pistolettos Werk charakterisieren, so beispielsweise die Skulptur >>Der Etrusker<< aus dem Jahr 1976: Eine etruskische Männerskulptur steht mit erhobener Hand vor einem Spiegel, wobei die Hand und die des Spiegelbildes sich berühren, so als ob der Mann in seinem Abbild nach einer Berührung sucht.

Erfolge – Ausstellungen

Die Liste der Ausstellungen und Aktionen, die das Werk von Pistoletto in das 21. Jahrhundert führen, ist lang, nachzulesen am besten auf der Website des Künstlers - www.pistoletto.it/it/mostre_personali.htm. Auch die Ehrungen waren zahlreich, angefangen vom Großen Preis der Biennale São Paulo im Jahr 1967 über den Preis der israelischen Wolf Foundation im Jahr 2007 bis hin zum Goldenden Löwen auf der Biennale in Venedig 2006 für sein Lebenswerk.

Der Künstler Pistoletto ist zu einem festen Bestandteil der Kunstwelt geworden, auch wenn er immer wieder versucht, sich zu entziehen, wie beispielsweise, als er das Angebot des amerikanischen Kunsthändlers Leo Castelli ausschlug, ihn auf dem Pop-Art-Markt zu platzieren.

Der Weg zur Stadt der Künste

Zwischen 1979 und 1981 führt es Pistolletto weg aus der italienischen Heimat in die USA, wo er sich mit einer Serie von überdimensionalen Köpfen und Torsi beschäftigt In den 90er Jahren wendet er sich verstärkt der Projektkunst zu und entwickelt zunehmend eine offene Gestaltungsweise. Die verwendeten Materialien widerspiegeln philosophische Strukturen, die Installationen werden raumgreifend und verknüpfen die verschiedensten Elemente aus Design, Handwerk, Mode und Architektur. Pistolettos Kunst war nie Selbstzweck. Folgerichtig beginnt er 1992 einer Meisterklasse an der Wiener Akademie für Bildende Künste zu leiten, seinem Bestreben folgend, Kunst auch immer an die Außenwelt zu transportieren und dabei neue Strömungen und junge Künstler zu fördern. Anfang der 90ziger Jahre verleiht er dieser Idee eine neue Dimension, indem er in Turin eine alte Wollfabrik (mit mehreren Tausend Quadratmetern Fläche) kauft und sie nach und nach – unter Millionenaufwand und mit Hilfe der von ihm gegründeten Pistoletto-Stiftung -  zur >>Cittadellarte / Stadt der Künste<< umbaut, die zu einer lebendigen Begegnungsstätte zwischen Künstlern und Wissenschaftlern und Experten aus allen nur denkbaren gesellschaftlichen und wissenschaftlichen (und wirtschaftlichen) Bereichen wird. Ein Traum ist wahr geworden – und man kann gespannt sein, was noch kommt, denn:

>>Nach meiner Idee von Zeit muß man sich von einer Position befreien können, während man sie erobert. Es entspricht eher der Realität, daß die anderen, anstatt eine Meinung über mich zu bilden, diese ändern. Ich glaube schwerlich an jenem Ort zu finden zu sein, an man mich erwartet, wenn ich entsprechend der Dimension der Zeit handele.<<
(Pistoletto in Bätzer, S. 212)


Pistoletto - Lesen – Sehen – Hören

Pistoletto Sehen und Hören

Pistoletto - Lesen

  • 2010 (Ankündigung – Erscheinungstermin Juni 2011) Michelangelo Pistoletto. Mirror Works / Beitr. von Michael Auping ; Text von Pascal Gielen ; Text von Jeremy Lewison Ostfildern : Hatje Cantz Verlag, 2010, 1. Aufl.
  • 2000 - Nike Bätzner: Arte povera. Zwischen Erinnerung und Ereignis: Giulio Paolini, Michelangelo Pistoletto, Jannis Kounellis. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2000
  • 1999 - Michelangelo Pistoletto : azioni materiali ; [11. August - 10. Oktober 1999] / Galerie im Taxispalais. [Hrsg. von Silvia Eiblmayr. [Übers.: Matthias Dusini ...]
  • 1997 - Der schwarze Mann : die unerträgliche Seite / Michelangelo Pistoletto. Aus dem Ital. übers. von Johannes Schlebrügge
  • 1996 - H. Friedel, M: Pistoletto, Memoria-intelligentia-Previdenzia. München: Lenbachhaus Hatje Cantz Verlag, 1996.
  • 1995 - Nike Bätzner (Hrsg.): Arte Povera – Manifeste, Statements, Kritiken. Basel: Verlag der Kunst Dresden, 1995.
  • 1990 - Thomas Deecke: Michelangelo Pistoletto. Den Spiegel vorhalten. Künstler - Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. München: Ausgabe 11, 1990.