Mario Merz (1925 - 2003)

  • Hauptvertreter der Arte Povera
  • geboren: Januar 1925 in Mailand – gestorben: 09. November 2003 in Turin
  • Hauptmotive: Spirale, Iglu, Fibonacci-Zahlen
  • Abbildungen: Iglu, Stroh, Neonlicht - www.youtube.com/watch

Mario Merz ist ein italienischer Künstler, der zu Avantgarde der Arte Povera Künstler gehörte. Der ausgebildete Maler wandte sich ab der Mitte der sechziger Jahre der Arbeit mit Materialien wie Erde, Glas und Neon zu. 1968 schuf Mario Merz aus verschiedenen Materialien seinen ersten >>Iglu<<, der zu einer Konstante in seinem Werk wurde, immer wieder anders zusammengesetzt, oft aus Materialien, die mit dem Ausstellungsort in Verbindung standen. Das Interesse des Künstlers an Gegensätzen, wie beispielsweise dem zwischen natürlichem und künstlichem Material, verlagerte sich zunehmend auf eine symbolische Ebene. Zentral wurde das Aufdecken quasi natürlicher Gesetzmäßigkeiten und Grundstrukturen, bei Merz symbolisiert durch die mathematisch-evolutionären Wachstumsprozesse der Fibonacci-Zahlenreihe (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13...) in kulturell-zivilatorischem Kontext, wie Schrift, Zahlen oder eben Iglus und Tische. Ziel des Künstlers war es, den Betrachter zu einer positiven, menschlichen Verbindung beider Bereiche, von Natur und Kultur, in sich selbst anzuregen. Lassen wir Mario Merz selbst über diese Verbindung sprechen:

“Die Zahlen des Fibonacci befinden sich in beschleunigter Ausdehnung, ihnen habe ich dieIdee entnommen, daß es möglich wäre, all Beispiele in Ausdehnung vorkommender Stoffe in der Welt, verstanden auch als lebende, lebenskräftige Leben, lebende Stoffe also, die sich in rascher und kontrollierbarer Expansion befinden, mit neuen Fähigkeiten darzustellen.
Die Zahlen sind also mit der Wirklichkeit gepaart: WederZahlen noch Wirklichkeit, keine von beiden steht höher, insoweit es nämlich in der Idee dieser Darstellungskunst liegt, daß zwei Dinge voneinander unabhängig sein müssen, auch wenn sie sich überlagern.”
(Bätzel, S. 163)

Kurz-Biografie

“Die Mauer ist Last (Backsteine, Steine, Kalk, geschichtliche Ängste, psychologische Ängste), die Zahlen entlasten sie, so wie die Musik die chemische Dichte der Atmosphäre entlädt. Auch die Musik hat mathematische und numerische Äquivalenzen. Die Zeit ist eine Hauptwurzel, tief in der Erde (das Geburtsdatum)"
(Bätzel, S. 164)

Am 1. Januar 1925 wird Mario Merz in Mailand geboren. Er war eigentlich Schweizer Abstammung (Lenzburg), aber sein Vater musste als Schwebebahningenieur nach Turin übersiedeln, wo Mario Merz auch aufwächst. Aus der Jugendzeit ist wenig in Erfahrung in zu bringen, überliefert ist nur, dass der Junge viel liest, vor allem die deutschen und italienischen Romantiker. Den jungen Mario Merz beeindruckt die mechanische Zerstörungswut, die der im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Kriegsmaschinerie innewohnt. Zu der er parallel aber immer wieder das Werden und Vergehen der Natur intensiv empfindet. Später wird Merz diese Eindrücke als >>Sinn für das Fehlen des Zeitgefühls<< interpretieren. Zunächst schließt er sich aber – nach der Waffenstillstandserklärung 1943 und dem Einmarsch der Deutschen in Italien – erst einmal den Partisanen an, der Gruppe Giustizia e Libertà. Er kommt in Berührung mit marxistischen Ideen – die ihn später abstoßen sollen. Zuvor wird er jedoch während einer Flugblattaktion verhaftet.

Gefängnisaufenthalt – ein >>organischer<< Künstler entpuppt sich

Im Gefängnis entstehen die ersten Zeichnungen, so das Porträt eines Mitgefangenen mit Bart, den er in Hieroglyphen darstellt. Auch nach der Entlassung aus der Haft bleibt Merz der Malerei treu – und entdeckt das ihr innewohnende Potenzial. Ein vom Vater gewünschtes Medizinstudium schließt er nicht ab. Als Autodidakt erlernt Mario Merz die Kunst zu zeichnen und sagt: >>Mich faszinierte die Schnelligkeit der Malerei als Idee eines möglichen Anschlusses an die Wirklichkeit viel mehr als die Literatur.<< Weitere Bilder entstehen. Aus dem noch >real< gezeichneten Bart wird Gras, dabei wird auch noch das Wachstum des Grases in Zeichen transformiert. Samen, Baum, Wind, Blütenstaub kommen hinzu. Es ist die Hochzeit der >>Informellen Kunst<<, auf der Leinwand tummelt sich die Darstellung von >>Symbolen des umfassend Organischen<<. So schafft Mario Merz zu Beginn der 50er Jahre auch erste Werke aus Pflanzenblättern, deren Adern er so mit Farbe behandelt, dass sie wie Landkarten wirkten. Schon 1954 widmet ihm die Turiner «Galleria La Bussola» die erste Einzelausstellung.

Menschenbildnisse und Landschaftsmalerei

Nach dieser intensiv >>informellen<< Phase in seiner Malerei wendet Mario Merz sich dem Menschenbildnis zu, den Abbildungen >>einfachen Menschen<<. Motive sind der Schweißer, der Bauer oder der Tankwart. Gegen Ende der fünfziger Jahre lernt er seine Frau kennen und sie ziehen in das Berner Oberland, in die Schweiz. Mario Merz ist fasziniert von der ihn umgebenden Natur. Es entstehen eine Vielzahl sehr naturnaher Zeichnungen und Gemälde, wie beispielsweise >>Goldlaub<<, >>Kauz<<, oder >>Blumiger Fels<<. Die Berge werden zu einer stets wiederkehrenden Sehnsucht in seinen Bildern. Wobei der Symbolismus immer mit von der Partie ist. So formt sich das Reisigbündel im Gebirge zur Idee, sehr gut zu betrachten im Bild >>Vento preistorico dalle montagne gelate/Prähistorischer Wind aus den eisigen Bergen<<. Die Berge stehen auch für die Funktion als Erzeuger von Visionen für die Ebene ein, die dann wiederum zu einer Lebensfülle führen, die ihrerseits zu Errungenschaften des Menschen wird -entdecken kann man diesen Sachverhalt in Werken wie >>Il fiume appare /Der Fluss erscheint<< oder >>Terra elevata /Erhöhte Erde<<. Die Vielschichtigkeit und Verwobenheit von Natur-Form und Symbol, dass alles auch noch in seiner Entwicklung betrachtet, kennzeichnet also nicht nur den späten Merz mit seinen Iglus, sondern ist auch schon in den Gemälden des Malers Mario Merz zu betrachten. Immer geht es um die Schnittstelle zwischen Intellekt und Natur als Ort für ein Kunstwerk.

>>ein vollkommener Wahnsinn<< und die Neonröhre

Mario Merz kehrt aus der Schweiz nach Turin zurückt. Und beginnt zu experimentieren. Beispielsweise versucht er, eine 15 Zentimeter dicke Farbspirale auf Leinwand zu bringen – ein Unterfangen, das er selbst als Wahnsinn tituliert, denn immerhin mussten alle Farbtuben zwischen Pisa und Viareggio aufgekauft werden. Erstmals taucht die Spiralform in seinem Werk auf. 1964/1965 entstehen die >>vorspringenden Strukturen<< - ein Stück moderner zeitgenössischer Kunst, das Elemente von Farbe, Skulptur in sich vereinigt und sich gleichzeitig geschlossen und zum Raum hin geöffnet. Zudem entdeckt der Künstler die >>Neonröhre<<. Die für Merz weniger ein technischer, industriell-kalter Gegenstand ist, als vielmehr eine unerschöpfliche Quelle von Energie, versinnbildlicht sehr schön in einer Installation in in der Galerie Galerie L'Attico in Rom, wo er einen von Neonröhren durchstossenen Heuhaufen ausstellt. Mario Merz selbst spricht von der Energie, die den Leuchtstäben innewohnt:

>>Der Neonstab, das Licht, die Lanze, er zerstört nicht nur, er verbindet die Gegenstände auch, er überträgt Energien des Organischen ins Anorganische, er symbolisiert das Übergehen von einem ins andere, er wird Natur, er wird zum Weinstrahl aus der Flasche, der vielgeliebten.<< (g26).

Dieses neue Gefühl von Zerstörung und Wachstum führt ab 1967 zu handwerklich hergestellten weidengeflochtenen überdimensionierten Körben und Kegeln.

Das Iglu

Aus diesen Weidenkörben und Kegeln, und weiteren eher unnützen (von Merz produzierten Gegenständen) entsteht dann eines Sonntages - in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern - im Jahre 1968 der erste >>Iglu<<. Damit hat Merz endgültig seine Kunstform gefunden. Das Iglu kann Sinnbild für so vieles sein. In seiner rundlichen, organischen Architektur ist es die wohlig-wärmende-bergende Behausung schlechthin. Ein Wohnort wie geschaffen für Nomaden  - und für Künstler  

>> Das Faszinierende am Iglu ist seine Einfachheit und seine Auslösenergie im Gehirn und im Herzen. Funktion: die Halbkugel räumt auf mit der zweidimensionalen Fläche, gleichzeitig ist sie wie die Seifenblase eine Minimalform, also auf jedem Punkt ihrer Oberfläche stets maximal plastisch angespannt und ein wandunabhängiger autarker Körper im Raum.<< ...>>Der Iglu als Idee des absoluten, in sich ruhenden Raumes.<< (g26).

Mario Merz schafft von da an eine lange Reihe verschiedenster Iglus, oft aus einfachen Materialien, wie Glas, Zweige, Erde, Stein, Kitt, Lehm, Dachpappen … etc. Dieses Material, sowie der Zeitraum – das Jahr 1968 und der Ort – Italien, Turin – und auch politische Stellungsnahmen machen Mario Merz zu einem zentralen Künstler der Arte Povera, die zu dieser Zeit an diesem Ort zu ihrem Namen fand. Die Iglus von Mario Merz werden zu Ikonen der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Fibonacci – Zahlenreihe und die Spirale

Die naturverbundene Vision, die Merz in seinen Iglus fand, konnte nicht bei einer so fassbar-plastischen Kreation verweilen. Es fehlte die Dimension des Denkens und die daraus folgende Dimension des Wachstums. Um sich diesem Problem zu nähern, wandte Merz sich der Zahlenreihe des Naturphilosophen Fibonacci da Pisa zu (um 1200), die tatsächlich ein echtes Faszinosum ist. Mathematisch gesehen ergibt sich die unendliche Folge der Zahlen dieser Reihe aus der Addition der beiden jeweils vorhergehenden Zahlen, beginnend bei der Zahl 0. Das Erstaunliche ist nun, dass sich diese Zahlenfolge mannigfaltig in der Natur widerspiegelt. So weisen viele Pflanzen in ihrem Bauplan Spiralen auf, deren Anzahl genau den Fibonaccizahlen entspricht. Auch die Anzahl der Ahnen einer Honigbiene lässt sich genau durch eine Fibonacci-Folge beschreiben. Zudem steht die Zahlenreihe mit dem goldenen Schnitt in Verbindung. Dem Charme von Intellekt, Mathematik und Evolution kann der Künstler Mario Merz sich nicht entziehen und die Zahlenfolge wird zum integralen Bestandteil seines Werkes. Die Fibonacci-Zahlen symbolisieren, oft als Neonziffern und Spiralform dargestellt, die Beschleunigung und Vermehrung.

Motorrad mit Gazellenhörner - Der Durchbruch

Seinen Durchbruch als Exponent der modernen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts erzielte Mario Merz gerade nicht mit >>Iglu<< sondern auf der Documenta 1972 in Kassel mit einem Motorrad, dem er statt Lenker Gazellenhörner verpasst hatte und das die die Wand der Rotunde des Fridericianum emporzufahren schien. Zu dieser Zeit hat Mario Merz die Grundelemente seiner Arbeit gefunden: das Iglu, die Fibonacci-Zahlen, die Spiralform, die Neonröhre. Die Verbindung von Evolution, Organischem und Künstlichem. Diese Elemente werden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder neu variiert, kombiniert und ummoduliert.

Erfolge, Ausstellungen und Preise

Große internationale Ausstellungen zeigen das Werk des zeitgenössischen Künstlers, so 1979 in Essen und 1981 in Basel. 1990 kann Mario Merz erstmals in einer Einzelausstellung eine Gesamtschau seiner Werke zeigen – in der Kunsthalle Basel unter dem Titel >>Prähistorischer Wind aus vereisten Bergen<<. Insgesamt viermal (1972, 1977, 1982, 1992) wird Mario Merz auf der documenta gezeigt. 1997 ist er bei der Biennale in Venedig dabei. Und immer wieder zeigt der Künstler seine Werke im öffentlichen Raum. Und wird für sein Werk geehrt, so im Jahr 1981 mit dem >>Arnold-Bode-Preis<< der documenta und 1983 mit >>Oskar Kokoschka-Preis<<. Im Jahr 1989 mit dem >>Kunstpreis der Stadt Goslar<<, den auch schon Max Ernt, Georg Baselitz, Joseph Beuys und später Amseln Kiefer erhielten. Als der japanische >>Praemium Imperial<< an Merz verliehen wird, heißt es in der Begründung der Jury, der Künstler Mario Merz habe mit seinen Arbeiten zur >>Bereicherung der Weltgemeinschaft<< beigetragen.


Sehen – Lesen – Hören

Fondazione Merz:

  • die Mario-Merz-Stiftung - Fondazione Merz – besteht seit 2005 und wird von der Tochter des Künstlers, von Beatrice Merz geleitet – der Webauftritt ist multimedial und bietet einen geeigneten Einstieg in das Werk von Mario Merz - fondazionemerz.org

Museen in Deutschland:

Mario Merz ist in vielen deutschen Museen zu besichtigen - eine Übersicht:

  • Kröller-Müller Museum, Otterlo
  • Kunsthalle Mannheim
  • Kunstmuseum Wolfsburg
  • Kunstsammlung im Ständehaus, Düsseldorf
  • Museum Brandhorst, München
  • Museum Folkwang, Essen
  • Museum für Neue Kunst, Karlsruhe
  • Museum Ludwig Köln
  • Neue Galerie, Kassel
  • Neues Museum Weserburg, Bremen
  • Neue Galerie, Kassel
  • Neues Museum Weserburg, Bremen
  • Sammlung Goetz, München
  • Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna

Installationen von Mario Merz (auf youtube):

Quellen

  • Nike Bätzner (Hrsg.): Arte Povera – Manifeste, Statements, Kritiken. Basel: Verlag der Kunst Dresden, 1995.
  • Read Herbert (Hrsg.); Stangos Nikos: DuMont`s Künstler-Lexikon. Köln: DuMont, 1991.
  • F. A. Brockhaus: Der Brockhaus – Kunst. Künstler, Epochen, Sachbegriffe. Mannheim, Leipzig: Brockhaus, 2001
  • www.g26.ch/art_merz.html aus: Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer – viel Material zu Mario Merz
  • www.nzz.ch/2003/11/11/fe/article97XVL.html - fundierter Artikel zum Tod des Künstlers