Seraphine Louis (1864 - 1942)

Seraphine de Senlis (1864 - 1942), die als Waise aufwuchs, als Putzfrau ihr Geld verdiente, und in geistiger Umnachtung in einer Irrenanstalt starb, gilt als die bedeutendste naive Malerin. Wilhelm Uhde – ein bedeutender Kunstsammler - zählte sie zu den >>Heiligen der Herzen<<. Neben Henri Rousseau zählte Seraphine Louis zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten unter den >>primitiven Malern der Moderne<<. Wem der Ehre zukommt, der weltabgewandten, tief religiösen Künstlerin zu Bekanntheit und Ruhm verholfen zu haben, ist bis heute umstritten, wahrscheinlich ist es ihrem Entdecker Wilhelm Uhde zu verdanken. Unbestritten ist jedoch, dass ihren Bildern mit floral mystischen Motiven eine Farbigkeit und Strahlkraft innewohnt, die den häufig zitierten Vergleich mit den Bildern eines van Gogh wahrhaft nicht zu scheuen braucht.

Kurze Lebensgeschichte

Geboren wird Seraphine Louis am 2. September im Jahr 1864 in dem kleinen französischen Ort Arsy bei Oise. Sèraphines Vater soll Uhrmacher und ihre Mutter eine Bauerstochter gewesen sein. Es ist wenig genaues über die Kindheit und Jugend zu erfahren, zumal schon frühzeitig die Legendenbildung um das Leben der Künstlerin einsetzte. So gibt es beispielsweise, die Erzählung, sie solle als Waise aufgewachsen sein. Man glaubt zu wissen, dass sie als Kind ihren Dorf die Schafe hütete und bei Bauern aushalf. Als junges Mädchen, im Alter von 13 Jahren, begann Seraphine in Haushalten als Zugehfrau und Dienstmagd zu arbeiten. Sie ging in Stellung, wie das damals üblich war, angeblich in Paris. Als sie in einem Pariser Mädcheninternat angestellt war, soll sie sich mit Kunst vertraut gemacht haben und Kurse eines Zeichenlehrers besucht haben. Schon 1881, im Alter von 17 Jahren, nehmen sie die Schwestern des Klosters in dem kleinen Ort Senlis auf, der ungefähr vierzig Kilometer von Paris entfernt liegt. Die nächsten zwanzig Jahren lebt Seraphine in diesem Kloster, nicht als Nonne, sondern als Dienstmagd. Um 1903 herum verlässt sie das Kloster und mietet sich eine kleine Wohnung in Senlis. Im Dorf erinnert man sich ihrer heute noch als sonderbar. Sie soll stets lange bauschige Röcke, dicke Männerschuhe, einen langen Schal und eine lackierten Strohhut getragen haben.

Flüsternde Engel und ein Kunstsammler

Um das Jahr 1905 herum – Seraphine lebte allein – soll sie begonnen haben zu malen. Sie ist zu dieser Zeit sehr religiös und ihr ganz persönlicher Schutzengel soll sie mit den Malereien beauftragt haben. Seraphine hört Stimmen und malt, was die Stimmen ihr eingeben. Es wird berichtet, dass Seraphine nur nachts gemalt habe, und ihr niemand dabei zusehen durfte. Beim Malen sang sie – religiöse Gesänge – die durch die geöffneten Fenster in der Nachbarschaft zu hören waren.

Im Jahr 1911 kommt der Kunstsammler Wilhelm Uhde, der zu den Schlüsselfiguren der französischen Avantgarde gehörte und unter anderem einer der ersten Picasso-Sammler war, in den kleinen Ort Senlis, mietet dort eine kleine Wohnung, um sich vom Pariser Trubel zu erholen und stellt ausgerechnet Sèraphine als Zugehfrau ein. Während einer Einladung beim Bürgermeister entdeckt er ein Stillleben mit Äpfeln – und fragt fasziniert nach dem Urheber dieses Werkes. Er erfährt, dass seine Putzfrau dieses Bild gemalt hat – es handelt sich um ein Stillleben mit Äpfeln. Uhde ermuntert seine tiefreligiöse Putzfrau, sich ganz auf ihre Kunst zu konzentrieren. Zudem sorgt er dafür, dass Seraphine Zugang zu Farben und Material hat. Aber im Jahr 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Alle Besitztümer Uhdes werden konfisziert und er kehrt nach Deutschland zurück. Um Seraphine wird es sehr still, aber sie malt und malt. Ihre Bilder verändern sich. Waren es zunächst kleine Aquarelle sowie unbeholfene Früchtestillleben und einfache Blumenbilder, so entstehen zunehmend großformatige Werke. Ihre Schaffenskraft beginnt sich zu entfalten. Scheinbar in einem gewaltigen psychischen Schub entstehen fantastisch-lebhafte ornamentale Malereien. Von der Bildmitte ausgehend entfalten sich dichte, farbige strauss- und baumartige Blatt-, Obst- und Blumengeflechte. Blumen, Blüten, Blätter und Zweige in undurchdringlicher Dichte sind in einer stürmischen Bewegtheit angeordnet. Jede einzelne Blüte scheint zu explodieren – und eigentümlich beweglich zu sein. Die Bilder wirken wie in einem ekstatischen Trancezustand erschaffen– und in einem solchen malte die scheue Künstlerin sie wohl auch.

Der wankelmütige Entdecker und die ersten Ausstellungen

So begeistert der Mäzen und Sammler Wilhelm wohl anfänglich von dem Talent der >>primitiven Malerin<< gewesen sein mag, so schnell hatte er sie wohl auch wieder vergessen. Vielleicht lag es daran, dass Seraphine sich in dieser Phase weigerte, ihre Bilder zu verkaufen und/oder Senlis zu verlassen. Obwohl er seit 1924 wieder in Paris lebte, kehrte Uhde erst im Jahre 1927 nach Senlis zurück, um eine Gruppenausstellung regionaler Künstler, die im de Ville von Senlis ausgestellt werden zu besichtigen und entdeckt dort die Bilder von Seraphine. Und findet ein deutlich gereiftes Werk vor.. Seraphine müssen die langen Jahre der Vergessenheit geschmerzt haben, hatte sie sich dem Kunstsammler in den Jahren zwischen 1911 und 1914 doch zutiefst anvertraut – soweit das ihrer verschlossenen, religiösen Seele überhaupt möglich war. Doch nun ist Uhde voll bei der Sache. Nach dem Erfolg der Bilder von Seraphine de Senlis, die als das eigentliche Ereignis der Ausstellung in Senlis gefeiert werden, und in der Presse den Bildern des anderen großen naiven Malers, Henri Rousseau, gleichgestellt worden waren, und sogar mit den Bildern van Goghs verglichen werden, macht Uhde sein schon längst vergangenes Versprechen wahr, und stellt das Werk Seraphines 1928 erstmals in Paris aus, zusammen mit Werken von Camille Bombois, Andrè Bauchant, Louis Vivin und Henri Rousseau. Er nennt die in der Ausstellung gezeigte Künstler die >>Maler des Heiligen Herzens<< («Peintres du Cœur Sacré»). Wilhelm Uhde, dem großen Förderer der naiven Malerei, ist es zu verdanken, dass diese fünf naiven Maler, die nie eine künstlerische Ausbildung genossen, seitdem als Künstler ernst genommen werden. Ihre Werke, unter ihnen auch die Bilder von Seraphine de Senlis, touren bereits 1930 durch Europa und kommen bis nach England und New York. Für die ehemalige Hirtin beginnt eine grandiose Zeit. Sie kann sich ab 1927 ganz auf ihre Malerei konzentrieren. Dank Verkäufen und der Unterstützung durch Uhde und dessen Schwester Anne-Marie, die ihr Material bereitstellen, beginnt für Seraphine eine Periode des relativen Reichtums und zugleich ihre wohl schöpferistische Phase. Ihre Hauptwerke entstehen, wie beispielsweise das >>L’arbre du paradis<<. Immer noch versteht Seraphine ihre Arbeit als Dienst an Gott und an der Schöpfung, wie es ihr einst von ihrem Schutzengel befohlen wurde.

1930 - Ausbruch des Wahnsinns

Seit der Ausstellung in Senlis wird Seraphine als Künstlerin wahrgenommen. Ihre Werke werden von Privatsammlern erworben, sie erhält Besuch aus aller Welt. Sie hat erstmals in ihrem Leben ein wenig Geld zur Verfügung. Im Jahr 1930, nachdem die Wirtschaftskrise ausbrach, ändert sich jedoch alles wieder. Wilhelm Uhde, selbst von der Weltwirtschaftskrise in Bedrängnis gebracht, kann Seraphine nicht mehr wie gewohnt unterstützen. Eine Ausstellung ihrer Werke anlässlich der Weltausstellung muss abgesagt werden.

Zur selben Zeit beginnt Seraphine, ihre Fantasien nicht mehr nur auf Gemälden auszuleben. Sie verstrickt sich in ihrer inneren Welt. Seraphine verkündet lautstark den bevorstehenden Weltuntergang, lässt sich anlässlich ihrer imaginären Hochzeit mit einem spanischen Hauptmann ein unglaublich extravagant teures Hochzeitskleid schneidern, und kauft eine Aussteuer. Ihre religiösen Gesänge verstören die Nachbarschaft zusehends. Wilhelm Uhde beginnt, sich vollständig von der in seinen in seinen Augen wahnsinnigen Frau zurückzuziehen. Im Jahr 1932 räumt Seraphine im Auftrag der Jungfrau Maria ihr gesamtes Hab und Gut auf die Straße und fängt dabei an zu randalieren. Als Folge dieses Verhaltens wird sie in die am 25. Februar 1932 in die Irrenanstalt von Clermont sur l’Oise eingewiesen. Die Diagnose lautet auf >>Systematischen Verfolgungswahn, tiefe Empfindungsstörungen und psycho-sensorische Halluzinationen<<.

In Klinikberichten wird von der Vision einer jungfräulichen Schwangerschaft und apokalyptischen Visionen berichtet. Vor allem jedoch hat Seraphine de Senlis vom Tag ihrer Einweisung an, aufgehört zu malen. Im Jahre 1942 stirbt sie in der Anstalt, wiederum völlig verarmt und vollständig vereinsamt. Sie wird in einem Massengrab beigesetzt – während über Europa die Vernichtungsmaschinerie des Zweiten Weltkrieges tobt. Zuvor waren Werke von Seraphine noch einmal Teil einer großartigen Ausstellung zu sehen. Zusammen mit den anderen vier Malern des Heiligen Herzens werden Werke von Seraphine in der Wanderausstellung >> Les maîtres populaires de la réalité (Masters of Popular Painting)<< gezeigt, die zwischen 1937 und 1938 in Paris, Zürich und New York zu sehen ist. Selbst in ihrem Todesjahr – im Jahr 1942 – waren ihre Bilder noch einmal zu sehen, während der Ausstellung >> Les primitifs du XXe siècle<<, die in Paris stattfand. Diese Ausstellung rückte Seraphines Werk ein Stück weit weg von der naiven Malerei hin zur Art Brut, auch Outsider Art genannt.

Wäre die Künstlerin nicht von Wilhelm Uhde, sondern vom Begründer der Art Brut John Dubuffet entdeckt, würde sie ganz sicher als eine der großen Künstlerinnen der Art Brut gelten – direkt neben Aloise anzusiedeln. Und vielleicht hätte auch schon jemand darüber nachgedacht, wieso die Wahnvorstellungen, von denen sowohl Seraphine und als auch Aloise heimgesucht wurden, eigentlich derart starke Parallelen aufweisen?

Seraphine de Senlis und die Nachwelt

Schon kurz nach ihrem Tod – der Zweite Weltkrieg ist vorbei – wird Seraphine de Senlis, wie sie von der Kunstwelt genannt wird – von derselbigen gefeiert. Sie gilt als Ausnahmetalent unter den primitiven Künstlern. Wilhelm Uhde gelingt es, im Jahr 1945 eine Einzelausstellung mit Bildern in der Galerie de France in Paris zu organisieren. Auf der Documenta 1955 in Kassel wird sie ebenfalls gezeigt. Im Museum ihrer Heimatstadt Senlis wird die Künstlerin einer permanente Ausstellung gezeigt. Im Jahr 2005 wurde Seraphine im Schloss Benrath in Düsseldorf und im Jahr 2008 eine umfassende Ausstellung im Pariser Museum >>Musée Maillol<< gewidmet.


Quellen und Weiterführendes

Quellen:

SERAPHINE - Der Film

Martin Provost drehte einen berückend beeindruckenden Film über das Leben der Seraphine Louis und über ihr Verhältnis zu Wilhelm Uhde im besonderen. Der Film wurde 2009 gleich siebenmal mit dem französischen Filmpreis, dem César geehrt. - >>SERAPHINE Ein Film von Martin Provost Frankreich 2008, 125 Min. mit Ulrich Tukur und Yolande Moreau<< -  hier kann man den Film kaufen - www.amazon.de/S%C3%A9raphine-Yolande-Moreau/dp/B003N1I3GG/ref=sr_1_2

Seraphine Louis - Die Biographie

Zeitgleich zum Start des Filmes erschien im Reimerverlag eine fundierte Biographie über Seraphine Louis >>Séraphine Louis (1864-1942)<< heraus – die hier vorgestellt wird www.benteli.ch/index.php – und hier zu kaufen ist - www.amazon.de/S%C3%A9raphine-Louis-1864-1942-Leben-Werk/dp/3496014059/ref=sr_1_2

Seraphine de Senlis bei Youtube

Eine wunderschöne Komposition, die auf der Seraphine-Ausstellung im Musée Maillo in Paris gezeigt wurde und auch bei youtube zu sehen ist -  http://www.youtube.com/watch?v=8wnTwBZ0e74

Der Trailer zum Film (auf Französisch)- www.youtube.com/watch

Und der Filmtrailer auf Deutsch - www.youtube.com/watch