Jannis (Iannis) Kounellis (Geb. 1936)

  • Wichtiger Vertreter der Arte Povera / berühmter Vertreter der zeitgenössischen Kunst
  • geboren am 21.03.1936 in Piräus/Athen
  • Hauptmotiv: Objektkunst; Installationen; Performance
  • Werke: u. a. Ausstellung von 12 lebenden Reitpferden
  • Werke von Kounellis in der Tate Galery - www.tate.org.uk/servlet/ArtistWorks

Der Künstler Jannis Kounellis ist ein wichtiger Vertreter und Mitbegründer der Arte Povera, einer Kunstrichtung, die zwischen 1967 und 1971 in Italien entstand. Kennzeichen dieser Kunst ist es, unter anderen, dass ihre Künstler und deren Kunstwerke nicht unter einen Hut zu bringen sind, egal mit welchen Kategorien und Dimensionen man sich daran versucht. Selbst der Schöpfer des Begriffes Arte Povera, der Kurator Germano Celant, scheiterte an dem Versuch einer eindeutigen Begriffsbildung. So ist nicht verwunderlich, das auch die Werke von Kounellis schwer zu beschreiben, extrem vielschichtig, und immer wieder wechselnd sind. Primär schuf Kounellis Kunstwerke, die wir gewohnt sind, als Installation, Performance oder Objektkunst zu bezeichnen. Die verwendeten Materialien sind dabei vielfältig. Kohle kommt genauso zum Einsatz wie lebende Tiere oder Blut. Immer hinterfragte und reflektierte der Künstler seine Werke und setzt sich auch in seinen Schriften mit ihnen auseinander. Um einen Arte-Povera-Künstler zu verstehen, reicht es wahrscheinlich nicht nur, seine Kunst zu betrachten, die ja zudem oft auch noch vergänglich ist. Für das tiefere Verständnis erscheint es nötig, sich auch mit seinen Worten und den durch sie fixierten Gedanken auseinandersetzen. Also lassen wir Jannis Kounellis zu Wort kommen. Zuvor sei aber zum Stichwort Arte Povera noch vermerkt,  dass der Künstler Jannis Kounellis weit über diese >>Kunstrichtung<< hinaus gewachsen ist und heute eine Schlüsselfigur des internationalen zeitgenössischen Kuntgeschehens ist.

Jannis Kounellis und die 12 Pferde

In einem Interview befragt der Vater der Arte Povera, Germano Celant, den Künstler Jannis Kounellis nach der Bedeutung der Pferde für sein Werk. Celant spielt damit auf eine Ausstellung von Kounellis an, die seinen Ruf als Künstler der Arte Povera begründete. Im Jahre 1969 erregte Kounellis großes Aufsehen, als er in der Galerie L`Attico in Rom zwölf (oder auch elf, die Angaben differieren) lebende Reitpferde ausstellte. Das Interview wurde aus einem Buch von Nike Bätzer über Arte Povera übernommen.

„K[ounellis]. Die Pferde kommen aus einer gesellschaftlichen und politischen Struktur, sie nehmen auf eine klassische Situation Bezug. Sie wenden sich gegen eine Mentalität, die charakteristisch für Angelsachsen ist, nämlich rational. Wenn die Strukturen, etwa die Galerie, zu sehr in meine Welt hineindrängen, zeige ich deren Tiefe und spanne den Bogen so daß sie unmöglich hereinkommen können. Wenn sie doch hereinkommen, lassen sie dafür ihr Leben, während das Spannen des Bogens mein Hinterland ist. Es ist wie Masken abnehmen, nur daß ich weiß, wie weit sie in die Tiefe reichen, und die gehört eher mir als ihnen.“ …“K. Die Galerie ist ein Verkaufsraum, denn das ist genau ihre Stellung im 19. Jahrhundert, ein Verkaufsraum für Kunstwerke, der auch eine höchst subtile, nicht ganz verfehlte Politik machen kann. Aber in meinem Fall wurde sie zum gesellschaftlichen Raum, weil der Galerist nicht nur verkaufte, sondern eine bestimmte Orientierung gab. Die Pferde in jenen Raum zu stellen diente dazu, eine Spannung zu erzeugen, einen Schnitt in der Kommunikation der Kunst. In einer Situation wie 1969 ging man nicht stufenweise voran, sondern über radikale Spannungen.“
(Bätzer; S. 150 – 151)

Kurze Lebensgeschichte

„C[elant]. Ebenfalls in Neapel hast du dich präsentiert, den Kopf auf eine Konsole gestützt, die Augen mit Schriftzeichen bedeckt und Feuer am Mund; war deine Anwesenheit die eines Erzengels?“ K. (ounellis)„Oft möchte ich im Verhältnis zu dem, was ich mache, ein Außenstehender sein, aber dort war es nützlich, anwesend zu sein, wie das auch in anderen Situationen vorgekommen ist, etwa in Rom oder in New York. Meine akademische Bildung treibt mich immer dazu an, die Arbeiten als außenstehender Dritter zu betrachten, das gestattet eine Art Anonymität, wie sie unter besonderen historischen Umständen nicht möglich ist.“

Jannis, eigentlich Iannis Kounellis wurde im Hafenviertel von Athen, in Piräus geboren. Über die Kindheit ist wenig bekannt, aber seine künstlerische Ausbildung begann Kounellis schon an der Athener Kunsthochschule. Da in Griechenland nach dem Bürgerkrieg von 1949 jeder verfolgt wurde, der in Kontakt mit der kommunistischen Bewegung stand oder auch nur aufrührischerischen Ideen nachhing, wanderte Kounellis schon mit zwanzig Jahre, im Jahre 1956, nach Italien aus, wo er bis heute lebt. In Rom angekommen wurde aus Iannis zuerst einmal Jannis und dieser setzte sein in Athen angefangenes Kunststudim an der Accademia di Belle Arti fort. Schon in jungen Jahren hatte Kounellis einen ganz eigenen Blick auf die Kunst und die Kunstgeschichte. So nennt er beispielsweise Joseph Beuys einen modernen Maler, da er philsophische Charakteristika aufweiste. Jemanden wie Yves Klein hingegen hält Kounellis für einen Künstler des 15. Jahrhunderts, und nicht mal für einen abstrakten, sondern für einen figürlichen, denn Blau ist für Kounellis ein figürliches Faktum - und nicht nur einfach eine Farbe). Auch Duchamp ist für Kounellis mittelalterlich, wie überhaupt alle französischen Künstler nach den Impressionisten in Kounellis Sinne die Bezeichnung mittelalterlich verdienen. (Bätzer, S. 154). Wer derart >>moderne<< Kunstauffassungen wie Kounellis vertritt, versucht sich gar nicht erst an figürlicher und althergebrachter Kunst, möge diese auch noch so abstrakt sein, sondern stürzt sich gleich auf das Andersartige.

Erste Ausstellungen und die Geburt als Arte Povera Künstler

Während der ersten Jahre in Rom beschäftigte der Künstler Kounellis sich hauptsächlich mit Schrift-, Ziffern und Buchstabenbildern, mit denen er kleine Bilder erstellte, die an Partituren erinnern. Schon diese Arbeiten waren mehr Performence als Bild, denn während sie gemalt wurden, wurden die Buchstaben und Nummern gesungen. Die Bilder waren 1960 in seiner ersten Ausstellung in der Galleria La Tartaruga in Rom zu sehen. Schnell entwickelt sich der Künstler jedoch weiter. Er wendet sich klar der Aktionskunst zu und realisiert auch schon im Jahr 1960 eine Performence, in der er – orientiert am Dadaisten Hugo Ball - verkleidet im eigenen Atelier auftritt. Um 1963 tauchen andere Materialien in Kounellis Werk auf. Er beginnt scheinbar zufällig gefundene Gegenstände in seine Installationen zu integrieren, beispielsweise Kartoffelsäcke und Schrot aber auch schon Feuer, vielmehr dessen Erscheinungsformen, den Rauch und den Ruß. Kounellis Werke werden in dieser Phase raumgreifend und sind, sofern sie auf den öffentlichen Raum treffen, ganz klar darauf ausgelegt zu provozieren. Zunehmend werden auch poetische Werke inszeniert, in denen Natur und künstliche Situationen miteinander konfrontiert werden. Im Jahr 1967 war Jannis Kounellis dann als Künstler bei der Geburtsstunde der Arte Povera dabei und wurde zugleich wesentlicher Bestandteil dieser neuen Kunst. Werke von ihm wurden in der herausragenden – von Germano Celant in Genua inszenierten Ausstellung >>Arte povera e IM Spazio<< gezeigt. Kounellis war mit einem >>Eisenbecken mit Kohle<< in der Ausstellung vertreten. Im Jahr 1969 folgt dann die Aufsehen erregendste Ausstellung des Arte Povera Künstlers Kounellis. Er ersinnt die Unterbringung von zwölf lebenden Pferden in der römischen Galerie L`Attico. Die Aktion ist als provokanter Akt gegen die bürgerlichen Kunstvorstellungen gedacht – und wird ein durchschlagender Erfolg.

Der Durchbruch

In den auf diese provokante Phase folgenden Jahren beginnt Kounellis, sich an dem dialektischen Verhältnis von natürlichen und unbehandelten organischen Stoffen wie Stein, Kohle, Watte, Wolle und Haar und vorgefertigten Gegenständen wie Betten, Holzpaletten, Gipsabdrücken und Eisencontainer abzuarbeiten. In diese Zeit fallen sowohl die >>Arbeiten mit der Gestalt Apollons<< (ab 1968) als auch die ab Mitte der siebziger Jahre beginnende Serie der Mauerverschließungen mit verschiedenden Materialien (Stein, Gips, Holz) und die Wandinstallationen, bei denen Feuer, Gas Ruß, Stahl, Sackleinen oder Blei poetisch miteinander kommunizieren. Offensichtlich ist es das Bemühen des Künstlers, beschreibende Bilder (in Form von Installationen) zu schaffen, in denen sich scheinbar gegensätzliche Zustände, wie Tradition und Fortschritt, Soziales und Individuelles, aber auch Mythisch-Ikonographisches versus Mechanistisch-Industriell-Starres sich begegnen können. Auf diesem Höhepunkt seines Schaffens wird Kounellis für die Dokumenta 1972 eingeladen, für die er ein riesiges >>Notenbild mit Strawinsky-Partitur<< schuf. Auch die erste Einzelausstellung von Kounellis fällt in das Jahr 1972. Werke von Kounelli werden in der Sonnabend Gallery in New York gezeigt.

Ein internationaler zeitgenönischer Künstler etabliert sich

Die Kunst von Jannis Kounellis traf einen Nerv der Zeit. Zwischen 1970 und 1980 werden seine Arbeiten in vielen Ausstellungen gezeigt, unter anderem in einer Einzelausstellung im Stedelijk Van Abbemuseum in Eindhoven, aber auch im Caja de Pensiones in Madrid, in der  Whitechapel Art Gallery in London und in der Staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden. 1975 wird die Tragedia civile (Bürgerliche Tragödie) – eine verloren-goldige, mit Öllampenlicht spielende Rauminstallation -  im Kolumba, dem Kunstmuseum  der Stadt Köln gezeigt. 1982 ist Kounellis wiederum auf der Documenta zu sehen, im Untergeschoss mit einem unbetitelten Kunstwerk.  1985 folgt eine wichtige Einzelausstellung im >>Musée d'Art Contemporain<<, das eine Gesamtschau des Werkes von Kounellis zeigt. Schon im darauffolgenden Jahr, also 1986, zeigt das Museum of Contemporary Art in Chicago wiederum eine Retrospektive auf das Werk des Künstlers. Kounellis avanciert zum Superstar der zeitgenössischen Kunst. Abgesehen von der Ausstellungsliste, die die renommiertesten Museen und Galerien auf der ganzen Welt umfasst, hat Kounellis allein zwischen 1972 und 1982 dreimal an der Dokumenta in Kassel und mehrmals an der Biennale in Venedig teilgenommen. Zentrale Themen, die sich durch sein Werk ziehen sind »Flaschen, Zahlen, Buchstaben«, >>Feuer, Vogel, Kohle<< und »Körper auf Metall<< und das Thema >>musikalische Erinnerung<<. Ständig erweitert der Künstler sein Spektrum - sowohl um alltägliche Gegenstände aber auch eher schwer fassbares wie Rauch. Wichtig ist - und bleibt es lange Zeit – das Licht, in Form von Feuer in Gas- oder Öllampen. Feuer ist aus Kounellis Arbeiten nicht wegzudenken. Es steht als Symbol für Erleuchtung, Reinigung und Veränderung aber auch für die Zerstörung.

Rückkehr in den Heimathafen

Im Jahr 1994 kehrt Iannis Kounellis zurück in seinen Heimathafen. Im Hafenbecken von Piräus zeigt der Künstler auf dem Boot Ionion, eine große Retrospektive seines nun schon fast dreißig Jahre umfassenden künstlerischem Schaffens. Aber da ist noch viel mehr drin. Von 1993 bis 2001 unterrichtet der akademisch ausgebildete Künstler als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Zudem beginnt Kounellis Bühnenbilder zu entwerfen und versucht sich als Theaterautor. Das neue Jahrtausend begrüßt er mit einem zunehmend architektonisch daher kommenden Vokabular. Er kreiert in seinen Werken labyrinthische Welten, die den Ausstellungsraum umfassen und zugleich verändern, dabei direkt auf die Wahrnehmung (und Erfahrungswelt) des Betrachters zugreifen und immer wieder mit den Materialien spielen, die den Künstler schon seit Jahrzehnten begleiten, und denen er doch immer wieder andere Nuancen entlocken kann. Das neue Jahrtausend bietet dem Künstler weiter viele Gelegenheiten, seine Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. So im Jahr 2002 in der Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom, im Jahr 2006 im Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina in Naples (2006) und schließlich 2008 in einer Einzelausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die zwölf Pferde von 1969, damals gedacht als Kritik an der Kommerzialisierung der Kunst sind übrigens mittlerweile ein echter Klassiker geworden und damit selbst auf dem Kunstmarkt angekommen. Im Jahre 2006 wurden sie nämlich – mit freundlicher Genehmigung des Veterinäramtes  - rekonstruiert und waren auf einem der weltgrößten kommerziellen Kunstmärkte, der Art Cologne, zu sehen – ganz leibhaftig, wenngleich es sicher nicht dieselben Pferde wie damals in Rom waren. Wie sagte schon einer der führenden Köpfe der französischen Revolution: >> Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.<< Wenngleich auch sicher nicht auf den Kunstmarkt gemünzt war.

Jannis Kounellis, die Freiheit und die Bierdose

„Ich will frei sein vor dem festgefahrenen Stolz der Vergangenheit, darum liebe ich diese unbedeutende Bierdose; doch bin ich wirklich frei?
Ein Merkmal der Bierdose ist, daß sie zur unendlichen Wiederholung gefertigt wurde, während Tizians Gemälde einmalig ist."
aus (Bätzer, S. 158) Jannis Kounellis Ein Projekt für Artforum (1988)


Lesen - Sehen - Hören

LESEN

  • Jannis Kounellis: Der Wind. Texte und Zeichnungen. Hrsg. und eingeleitet von Wolfgang Storch Hrsg. von Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath Edition Nautilus 2006, Preis: 12,90 Euro 
  • Jannis Kounellis. Katalog zur Ausstellung in der Neue Nationalgalerie Berlin, 2007/2008. Hrsg. von Angela Schneider und Anke Daemgen Hatje Cantz Verlag 2007, Preis: 35 Euro

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Quellenangaben: