Wassily Kandinsky (1866 – 1944)

  • Abstrakte Malerei / Abstrakter Expressionismus
  • Vater der Abstrakten Malerei – schuf (wohl) das 1910 das >>Erste abstrakte Bild<<
  • geboren am 4.12.1866 in Moskau – gestorben 13.12.1944 in Neuilly-sur-Seine bei Paris
  • Hauptmotiv: die Abstraktion
  • Werke: >> Kompositionen <<; >>Improvisationen<<.
  • Abbildungen: Eine virtuelle Galerie - www.famousartistsgallery.com/gallery/kandinsky.html

“Im allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele auszuüben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt.“
W. Kandinsky (Meyers Jugendbibliothek S. 32)

Wassily Kandinsky hatte in Russland zunächst eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen – er wurde Jurist. Zu malen begann er erst im Alter von 30 Jahren – getrieben von einer echten inneren Notwendigkeit, der er sich lange Jahre aus pragmatischen Gründen widersetzt hatte. Das Gefühl dieser alles bedingenden Notwendigkeit beschäftiget ihn dann auch sein ganzes Künstlerleben lang – er versucht es auch theoretisch zu erfassen, beziehungsweise gründet seine kunstphilosophischen Überlegungen auf dieses Gefühl. Kandinsky denkt, bevor er malt. Aber wenn er erst einmal angefangen hat zu malen, entsteht unter seinem Pinsel eine erstaunliche, nie zuvor gesehene Formen- und Farbenwelt.

Seine Bilder erwecken den Anschein, als wären sie im Delirium oder in der Ekstase gemalt. Ihr Ausdruck ist stark – überquellende Impulsivität, die die Schranken der klassischen Malerei durchbricht, ja nahezu zerschmettert. Kandinskys Gemälde ähneln den Trompetenstößen der wagnerschen Musik – die damals ebenfalls als unerhört galt. Ab 1921 greift Kandinsky die geometrischen Prinzipien der Konstruktivisten, beispielsweise die eines Malewitsch auf. Seine Bilder werden ruhiger, die Motive fangen an sich zu ähneln – und trotzdem: Unter allen Formen bleibt Kandinskys Erfindungskraft gleich stark, reich und vielgestaltig. Nach 1933 malt Kandinsky in Neuilly Bilder, die meist nichts anderes sind als Variationen der Themen, die schon seit Langem zu seinem Lieblingsthemen gehören. Zwar nennt man diese Periode die >>Zeit der Synthese<< – aber von der alles hinwegfegenden Eruption seines Frühschaffens ist in den späten Bildern nichts mehr zu entdecken. 

Kurze Lebensgeschichte

 „Ich bin geboren 5. Dezember 1866 in Moskau. Bis zu meinem dreissigsten Jahr habe ich mich gesehnt Maler zu werden, da ich die Malerei mehr als alles andere liebte, und es war mir nicht leicht, diese Sehnsucht zu bekämpfen. Es schien mir damals, dass die Kunst für einen Russen heute ein unerlaubter Luxus ist.“ 
(Kandinsky. München, September 1912 aus http://www.g26.ch/art_kandinsky.html)

Geboren wurde Wassily Kandinsky am 4. Dezember 1866 in Moskau als Sohn einer wohlhabenden Familie russisch-mongolischer Herkunft. Der Vater soll ein Teehändler gewesen sein und die Eltern getrennt voneinander gelebt haben. Kandinsky wuchs wohl bei seinem Vater auf, der als Mann von erheblichem intellektuellen Format erwähnt wird, und auch als Zeichner über ein gewisses Talent verfügt haben soll. Schon über den kleinen Kandinsky wird berichtet, er hätte eine ungewöhnliche Sensibilität für Farbe gehabt.

Im Jahre 1871 übersiedelt die Familie nach Odessa. Hier bekommt Kandinsky seine schulische Ausbildung und Musikstunden. Im Jahr 1886 kehrt Kandinsky nach Moskau zurück, um ein Studium der Nationalökonomie und Jurisprudenz zu beginnen, das er 1892 erfolgreich mit einem Examen abschließt. Schon als Schüler und erst recht als Student soll Kandinsky sich intensiv mit Kunst beschäftigt haben. Prägend für den Künstler Kandinsky soll in den Jahren des Studiums eine im Jahr 1889 unternommene ethnografische Expedition in den Norden Russlands, den Distrikt Wologda, gewesen sein, die eigentlich den Sinn hatte, den Juristen mit dem Strafrecht vertraut zu machen, ihn aber auch in Kontakt mit den geschnitzten Skulpturen und religiösen Gebräuchen der syrienischen Stämme brachte, die ihn, wie auch die Bilder der Bauern, zutiefst beeindruckten. Ansonsten waren es wohl – neben der russischen Volkskunst - die in der Petersburger Ermitage aushängenden Bilder Rembrandts, die den jungen kunstbegeisterten Juristen prägten.

Jurist und Künstler aus innerem Drang

Ich blieb aber nur ein Jahr in diesem Fach, da mit 30 Jahren mich der Gedanke überkam: jetzt oder nie. Die allmähliche Innere mir bis dahin unbewusste Arbeit war jetzt so weit, dass ich zu dieser Zeit meine künstlerischen Kräfte mit vollkommener Klarheit fühlte und Innerlich war ich so reif, dass mir die Berechtigung Maler zu werden ebenso klar wurde.
(aus Kandinsky. München, September 1912 aus http://www.g26.ch/art_kandinsky.html)

Schon direkt nach dem Abschluss des Studiums, im Jahre 1892, unternimmt der ausgebildete Ökonom und Jurist Kandinsky seine ersten beiden Reisen nach Paris. Doch nicht dort, sondern bei einer Ausstellung von Impressionisten in Moskau im Jahr 1895 sieht er erstmals die Bilder Monets (>>Heuhaufen (Meules)<<). Und ist fasziniert und begeistert von der stimmigen Komposition und den glühenden Farben, zudem kann er zunächst keinen Gegenstand entdecken – wie das bei impressionistischen Bildern üblich ist, wenn man ganz nahe an die Bilder herantritt. Parallel dazu ist von Kandinsky überliefert, dass er während einer Aufführung von Wagners Oper >>Lohengrin<< die Musik in (abstrakten) Formen und Farben wahrnahm. Seitdem beschäftigt den Denker Kandinsky das Problem einer Malerei ohne Gegenstände. Doch auch im bürgerlichen Beruf tat sich einiges. Zwischenzeitlich zum künstlerischen Leiter einer Druckerei in Moskau ernannt worden, erhielt Kandinsky im Jahr 1896 den Ruf als Privatdozent an die Universität Dorpat/ Tartu in Estland, den er jedoch ablehnt und stattdessen beschließt, nach München zu gehen, um dort Malerei zu studieren. Warum München und nicht Paris? Die Stadt war gerade für die Jugend aus Ost- und Nordeuropa zu einem wichtigen Platz der künstlerischen Ausbildung geworden – und zugleich ein Zentrum des Jugendstils. Kandinsky fand hier Ansätze, die sich mit seinen eigenen Vorstellungen berührten, und trat zunächst in die Schule von Azbè und später dann in die von Franz Stuck ein, wo er auch Landsleuten, wie beispielsweise Jawlensky und Werefkin begegnete und sich der russischen Künstlerkolonie anschloss. 

Lernender Künstler - >>Phalanx<<, Gabriele Münter, Studienreisen

Kaum in München angekommen, gründete der farbsensible, nun schon fünfunddreißigjährige, angehende Künstler sofort eine eigene Künstlergruppe, die >>Phalanx<<, deren Leiter er war und der er eine eigene Malschule anschloss. In dieser Phase war der Maler ganz der dekorativen Gestaltungskunst unter Einfluss des Jugendstils verhaftet. Hier begegnet er 1902 auch Gabriele Münter, die sowohl seine Schülerin und dann bis 1916 auch seine Lebensgefährtin war. Im Jahr 1903 wird jedoch die Phalanx-Schule geschlossen, 1904 löst sich auch die Künstlervereinigung Phalanx auf. Für Kandinsky beginnt eine vierjährige Zeit der Studienreisen, die den Maler nach Tunis, Italien, Frankreich, Venedig, Berlin und Odessa führt. Er arbeitet zu dieser Zeit sowohl an Temperabildern als auch an den >>Liedern ohne Worte<<, seinen ersten, noch jugendstilhaften Holzschnitten. Trotz der Reisen ist der Maler regelmäßig an Ausstellungen beteiligt, so im Jahre 1904 am Salon d`Automne und 1906 an der zweiten Ausstellung der Künstlergruppe >>Brücke<< in Dresden

Werke: 

  • um 1901 hauptsächlich Akt- und Naturstudien, daneben Experimente mit graphischen Techniken und Holzschnitten
  • >>Der Brautzug<< (1902)
  • Holzschnitte wie >>Lieder ohne Worte<< (1904), die wie auch seine Gemälde das russische Leben zum Thema haben und den Einfluss des Jugendstils und der russischen Volkskunst verraten.

Künstler und Theoretiker - der >>Blaue Reiter<< und das >>Geistige in der Kunst<<

„Auf geheimnisvolle, rätselhafte, mystische Weise entsteht das wahre Kunstwerk „aus dem Künstler“. Von ihm losgelöst bekommt es ein selbstständiges Leben, wird zur Persönlichkeit, zu einem selbständigen, geistig atmenden Subjekt, welches auch ein materiell reales Leben führt, welches ein Wesen ist.
(Wassily Kandinsky in das Geistige aus Korn, Rudolf S. 163)

Im Jahr 1908 wird Kandinsky wieder sesshaft. Er kauft zusammen mit seiner Lebensgefährtin Gabriele Münter ein Haus im oberbayrischen Murnau, wo beide von da an häufig malten. Hier entsteht die Reihe der >>Landschaften von Murnau<<. Die vielfältigen Eindrücke der Reisen werden verarbeitet, insbesondere Einflüsse von Cèzanne, Picasso und Matisse. In den Landschaftsbildern wird die elementare Kraft der Farbe vom Gegenstand befreit. Die Freunde Jawlensky und Marianne von Werefkin schlossen sich in dem Sommer auf Murnau Kandinsky und seiner Lebensgefährtin an und 1909 entstand aus dieser Verbindung >>Die Neue Kunstvereinigung München<<, deren Präsident Kandinsky wird und  der sich später auch Paul Klee sowie August Macke anschlossen. Kandinsky beginnt in diesem Jahr die ersten Improvisationen zu malen. 1910 vollendet er das erste abstrakte Aquarell (>>Das erste abstrakte Bild<<)und veröffentlicht seine kunsttheoretische Schrift >>Über das Geistige in der Kunst<<, die ein wegweisendes theoretisches Grundlagenwerk für die abstrakte Kunst wird. Kandinsky formuliert in seiner Schrift den Anspruch der abstrakten Malerei, die materialistische Haltung des 19. Jahrhunderts zu überwinden. Seine Kunsttheorie basiert auf dem Glauben an eine >>geistige Welt<<, die es hinter allen sichtbaren Erscheinungen zu entdecken gilt und die der Künstler nach einem >>Prinzip der inneren Notwendigkeit<< auszudrücken habe. Jetzt sind alle Voraussetzungen geschaffen, um den Gegenstand aus dem Bild zu entfernen. Doch diese expressionistische Radikalauffassung Kandinskys führt zu Meinungsverschiedenheiten in der Münchener Kunstvereinigung. Nach nur zwei Jahren treten Kandinsky und seine Lebensgefährtin, aber auch Franz Marc, wieder aus, um dafür in der Ausstellung >>Der blaue Reiter<<, die vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 in München stattfindet und in dem gleichnamigen Almanach ihre eigenen Vorstellungen zu artikulieren. Auch ein poetisches Werk verfasst Kandinsky in dieser Zeit, ein Buch mit dem Titel >>Der gelbe Klang<<, dass wohl weniger durch seine Poesie als durch die mit abgebildeten Holzschnitte zu einem einzigartigem expressionistischem Gesamtkunstwerk wird. 

Werke:

  • >>Das erste abstrakte Aquarell<< (1910)
  • Serie der >>Improvisationen<<; die gefühlsmäßige Improvisation >>Improvisation 9<< (1910); die von Natureindrücken ausgehende Improvisation >>Improvisation V (Park)<< (1911)
  • Serie der rational durchdachten >>Kompositionen<<, die der Maler selbst als sein Hauptwerk ansah, beispielsweise die >>Komposition IV<< (1911) – zentrales Thema ist das vom Gegenstand gelöste Zusammenspiel von Farbe und Form
  • Wassily Kandinsky: Über das geistige in der Kunst. Insbesondere in der Malerei (1911)
  • >>Bild mit rotem Fleck<< (1914)

Der Kulturpolitiker - Rückkehr nach Moskau

Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges kehrt Kandinsky über den Balkan und Odessa nach Moskau zurück –lernt dort die Konstruktivisten genauer kennen, trennt sich von seiner Lebensgefährtin, um Nina Andreevskaja zu heiraten und gerät während der Umwälzungen der Oktoberrevolution in den Sog der (Kultur-)Politik. Ein Sog, der den Künstler derart packt, dass er schon 1918 Professor an der Akademie der Schönen Künste in Moskau wird und in der Abteilung Kunst des Kommissariats für Volksaufklärung arbeitet. 1920 gründet Kandinsky die Akademie für Kunstwissenschaften in Moskau und wird ihr Vizedirektor. Zudem baut er in der russischen Provinz zweiundzwanzig Museen auf. Der sensible Künstler nimmt die wachsende Bedrohung einer Einschränkung seiner künstlerischen Freiheit deutlich wahr, die von einer >>Diktatur des Proletariats<< ausgeht, und verlässt Russland wieder, um nach Berlin zu gehen. 

Der Kunstprofessor und Künstler - Bauhaus und Emigration nach Paris

1922 nimmt Kandinsky eine Professur am Bauhaus im Weimar, die er bis 1932 innehat. Im Jahr 1924 gründet er zusammen mit Klee, Feininger und Jawlensky eine weitere Künstlervereinigung >>Die blaue Vier<<. 1928 erhalten Kandinsky und seine Frau die deutsche Staatsbürgerschaft. In seiner Bauhaus-Schrift >>Punkt und Linie zur Fläche<< (1926) gelingt es dem Kunstwissenschaftler Kandinsky, eine fundamentale Harmonielehre der abstrakten Malerei darzulegen. Er erschafft eine eigene Farbtheorie. Durch die Veröffentlichung seiner Lehren über das Bauhaus erfahren seine Gedanken über die Wirkung von Farben und Formen weite Verbreitung. Aber schon 1933 verlassen der Maler und seine Frau Deutschland, nachdem das Bauhaus im März von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Kandinsky geht nach Paris. Dort begegnet er anderen Expressionisten und Abstrakten, wie beispielsweise Miro, Delaunay und Piet Mondrian, zu denen er jedoch keine engen Beziehungen knüpft. Enge freundschaftliche Kontakte knüpft er hingegen zu Pevsner, Arp und Magnelli. Der Künstler beginnt nun auch wieder zu reisen – nach Forte dei Marmi, Pisa, Florenz und er besucht Paul Klee in der Schweiz. In Deutschland werden zu dieser Zeit 57 seiner Bilder als entartete Kunst von den Nazis konfisziert und teilweise vernichtet. 1939 bekommt Kandinsky die französischen Staatsbürgerschaft und verstirbt 1944 in Neuilly-sur-Seine.

Werke:

  • ab 1921 Beginn der >>kühlen Periode<<; rein kühle Farbwerte und geometrische Formen bestimmen das Werk. Kreise, Linien, Dreiecke sind neben der Farbe wichtige Ausdruckswerte: >>Roter Fleck II<< (1921); >>Komposition VIII<< (1923); >>Vielfarbiger Kreis<< (1921)
  • daneben Grafikserien wie >>Kleine Welten<< (1922) und Bühnenbilder
  • ab 1924 Beginn der >>romantischen Phase<<, die wärmere Farben zeigt und hauptsächlich vom Kreis bestimmt wird. Mathematik, Kosmos und Transzendentales sind in diesen Bildern zu spüren.
  • ab 1933 in Frankreich – Beginn der >>barocken Periode<<, die durch weiche, nicht-geometrische Formen gekennzeichnet ist: >>Himmelblau<< (1940); >>Gemässigter Schwung<< (1944)

Quellen und Weiterführendes

Quellen:

  • F. A. Brockhaus: Der Brockhaus – Kunst. Künstler, Epochen, Sachbegriffe. Mannheim, Leipzig: Brockhaus, 2001
  • Seuphor, Michel: Knaurs Lexikon Abstrakter Malerei. Müchnen. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. Müchnen, 1957.
  • Seuphor, Michel: Abstrakte Malerei: Von Kandinsky bis zur Gegenwart. München/Zürich: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. Müchnen, 1964.
  • Meyers Jugendbibliothek: Wie entstand die Malerei? Mannheim: F. A. Brockhaus AG, 1994 (Meyers Jugendbibliothek S. 32)
  • Hilschmann, Claus (Hrsg.): Das große Lexikon der Malerei. Braunschweig: Westermann Verlag, 1982.
  • Read Herbert (Hrsg.); Stangos Nikos: DuMont`s Künstler-Lexikon. Köln: DuMont, 1991.

Weiterführend: