Andrè Derain (1880 – 1954)

„Die Farben wurden für uns zu Dynamitpatronen. Sie sollten Licht entladen. Die Idee in ihrer Frische war wundervoll, dass man alles über das Wirkliche hinausheben könnte.“ (Derain zitiert nach Hilschmann; S. 168)

Andrè Derain gehört zu den führenden Künstlern des Fauvismus. Eine Reihe seiner Werke, die er in der Frühphase seines künstlerischen Schaffens, in den Jahren zwischen 1905 und 1908 schuf, erwiesen sich im Verlauf der Zeit Meisterwerke, die den Vergleich mit den Klassikern der Malerei nicht scheuen müssen. Aber wie es scheint, verausgabte Derain sich in jungen Jahren, in der Abbildung der damaligen Welt und ihres Lebensgefühls. Seine Entwicklung führte ihn in der Folge immer weiter weg von seinem Jugendwerk. Er verzichtete auf die ungebrochenen leuchtkräftigen Farben, auf die mit kräftigem Pinselstrich aufgetragenen breiten und schmalen Farbbahnen, die Farbflächen und Farbkleckse – also auf all das, was die fauvistische Malerei charakterisierte, zugunsten einer in sich geschlossenen Zeichnung, in der die zeichnerische Überlieferung des vergangenen 19. Jahrhunderts fortgeführt erscheint. Immer mehr kam er zu einer Malerei, die an den Monochromismus grenzt. Die Kunstgeschichte urteilt über den wechselhaften Künstler vernichtend. Die Rede ist von einem >>…eingängigem Stil, der in der Brillanz des malerischen Vortrages wegen größte Anerkennung fand, aber trotzdem ein Nachlassen der künstlerischen Qualität verrät.<< (Hilschmann, S. 169) oder man sagt, er >>…hatte seine Kräfte überschätzt.<<. Ob das ein abschließendes Urteil sein wird, sei dahin gestellt. Fest steht, das von fast allen Bildern, die Derain nach seiner fauvistischen Phase malte, bei aller Heiterkeit und Grazie, die ihnen innewohnt, immer auch eine große Einsamkeit geht. Diese Bilder stehen nicht nicht nur einsam in ihrer Zeit, sondern es sind auch Bilder der Einsamkeit und vielleicht der verschwiegenen Trauer über diese Einsamkeit. (zitiert nach Jedlicka; S. 74). Und als Maler der Einsamkeit wurde Derain vielleicht bisher unterschätzt.

Kurze Lebensgeschichte

Geboren wurde Andrè Derain am 10. Juni 1880 im Städtchen Chatou, dass später durch die Malerei Derains (und die Bilder von Maurice de Vlamincks) als Verkörperung der landschaftlichen Schönheit der Ille de France in das menschliche Bewusstsein rückte. Derains Vater, ein >>Patissier-cremier<< gehörte zur wohlhabenden Bürgerschaft von Chatou und hatte sich in den Kopf gesetzt, aus seinem intelligenten Sohn einen Ingenieur zu machen. Derain musste sich auf die Ecole polytechnique vorbereiten, besuchte aber zeitgleich die Academie Carriere, wo er die Bekanntschaft mit Henri Matisse schloss. Eine weitere Bekanntschaft wird für den jungen Derain jedoch noch wichtiger: Er lernt Maurice Vlaminck kennen, eigentlich Radrennfahrer und Musiker, der jedoch auch malt. Mit Vlaminck arbeitet Derain von da an häufig zusammen und eröffnet 1900 sogar ein gemeinsames Atelier auf der Brücke von Chatou hat. Aber erst nach der Entlassung aus dem Militärdienst (1901-1903) erlaubt der Vater Derains dem jungen Künstler, auf Anraten von Henri Matisse, sich ganz der Malerei zu widmen. Und dieser erweist sich als derartig begabt, dass ihm schon im Jahr 1905 der Kunsthändler Vollard seinen ganzen Besitz an Bildern abkauft. Nur ein Bild behält der Künster – das dann auch sein ganzes Leben lang – ein >>Selbstbildnis<<, dass er 1902 als Brustbild malte. Auf dem lebensgroßen Bild, ist der Umriss des Gesichts, zum Teil mit selbstständigen Pinselstrichen gezeichnet, zum Teil aus der Begegnung der verschiedenen Farbflächen entstanden. Ein Selbstbildnis, das wie eine einzige Frage an das Leben wirkt – auf die der Künstler vielleicht immer die Antwort suchte.

Fauvismus – Maurice Vlaminck und Henri Matisse

>>Der große Irrtum aller Maler ist, nach meiner Meinung, daß sie versuchten, die Wirkung des Augenblicks in der Natur wiederzugeben. Wobei sie nicht begriffen, daß diese Wirkung nicht auf Ursachen beruhte, die mit der Folge unserer Eindrücke und mit der Malerei zusammenhängen, und nicht auf den Gedanken kamen, daß eine einfache Verbindung leuchtender Farben den Geist in denselben Zustand wie eine wirkliche Landschaft zu versetzen vermöchte. Ist nicht das, im ganzen, das zu erstrebende Ziel? Das allereinzigste?<< (Derain in einem Brief an Vlaminck (1903) zitiert nach Jedlicka; S. 75)

In der Zusammenarbeit mit Matisse und Vlaminck ist Derain als Künstler zum Verehrer der Farbe geworden. In und mit der Farbe versucht er, seine Sicht auf die Welt darzustellen. Und wird dabei zu einem der größten Verehrer von Henri Matisse. Und kann wie dieser – nach dem Herbstsalon 1905 – erste Erfolge als Künstler verzeichnen – obwohl auch seine Werke als >>Klecksereien<< verschrien sind. Wie schon erwähnt, war der Kunsthändler Vollard zum Förderer des Künstlers geworden, und so war dieser es auch, der Derain aufforderte, nach London zu gehen, um sich dort, am Ufer der Themse, wie einst Monet vor ihm, neue Inspiration zu holen. Zweimal hielt Derain sich in London auf, im November 1905 und im Frühjahr 1906. Obwohl er die laute, neblige Stadt hasst, erschafft er eine Vielzahl von Gemälden. In London vervielfacht er zum einen das Spektrum seiner Themen, wendet sich aber auch betont von Empfindungen ab, die seiner Meinung nach ohnehin nur ungestalt sein können, zugunsten des Ausdrucks, der in seinen Augen eine Summe der Empfindungen ist. So entstehen Gemälde in zwei deutlich unterscheidbaren Richtungen: in breitem Pinselstrich, wie er bei den Fauvisten häufig anzutreffen ist, und im Nebeneinander kolorierter Massen – und eben nicht von einfachen Farbfeldern. Schon an dieser Stelle seiner Entwicklung verlässt Derain den Fauvismus.

Komponist, Kopist und Maler

Um die Entwicklung des Malers Derain zu verstehen, muss man wissen, dass er zeit seines Lebens eine Leidenschaft für den Louvre hegte. In jungen Jahren hatte er, wie viele angehende Maler, eine Kopiergenehmigung erhalten, die es ihm erlaubte, bei freiem Zugang direkt vor den Kunstwerken des berühmten Museums zu arbeiten. Und er nutzte diese Genehmigung ausgiebig. Die >>Kreuztragung<< von Ghirlandaio, kopierte er jedoch in so grellen Farben, dass er fast wegen Angriffs auf die >>Schönheit<< aus dem Museum verwiesen worden wäre.

Hier zeigen sich schon zwei Grundzüge im Wesen Derains, die sich durch sein ganzes Werk ziehen werden. Er bezieht sich in seinem Schaffen immer auf zwei Quellen: seinen Instinkt und seine Erziehung. Selten gelingt ihm –anders als Matisse - die Synthese von beidem in der Malerei. Selbst in der Epoche des Fauvismus kann er sich nicht von seiner ausgesprochenen Neigung zur Komposition befreien. Der Geist ist stärker als die Farbe. 1908 verführt ihn diese Kompositionsneigung zu einer Annäherung an den Kubismus. Um Derain dann ab 1925 zum Anführer einer künstlerischen Bewegung zu machen, die man als >>Rückkehr zur Ordnung<< in der Malerei zusammenfassen könnte, die sich von Frankreich aus fast über ganz Europa verbreitete und so zu einem Rückschlag für die avantgardistischen Bewegungen und zu einer neu auflebenden Befürwortung der Tradition in der Malerei führte.

Derains Malerei – das Werk eines Franzosen

>>"Of all the major figures in the Ecole de Paris, André Derain's reputation has sunk into the deepest trough. It is doubtful if it will ever again stand as high as it did between the two World Wars.<< (http://www.artchive.com/artchive/D/derain.html )

Vielfach ist Derains Rückkehr zur traditionellen Malerei von der Kunstkritik und der Kunstavantgarde seiner Zeit verrissen worden. Aber schaut er genauer hin, entdeckt der Betrachter, dass Derains Malerei vom ersten bis zum letzten Werk die eines Franzosen ist - der künstlerische Ausdruck eines Franzosen einer vergangenen Jahrhunderthälfte. In Derains Malerei lebt die französische Malerei der Vergangenheit in einer beeindruckenden Fülle und Selbstverständlichkeit wieder auf und sie lebt darin weiter.

Andrè Derain hat immer wieder, hierin auch anders als andere Maler seiner Zeit, offen dazu gestanden, wie vieles er den im Louvre ausgestellten Kunstwerken verdankte. Vor diesem Hintergrund kann seine Malerei, in gewissem Maße (ein andere Aspekt ist seine hochgradige Intelligenz, die ihm immer wieder im Wege stand), als künstlerische Auseinandersetzung mit der spätgotischen französischen und italienischen Malerei, mit der des siebzehnten, achtzehnten neunzehnten Jahrhunderts verstanden werden. Es ist die Auseinandersetzung einer großartigen Begabung, eines außergewöhnlichen Kunstverstandes und Kunstbewusstseins mit denen, die zuvor Kunstgeschichte schrieben. Derains Werke führen den Betrachter - auch – auf die große französische Malerei vor ihm zurück; führen zu einem vertieften Verständnis derselben und bereichern dieses zugleich. Wie passend erscheint da eine schon in früheren Jahren über Derain in Pariser Kunstkreisen zirkulierende Bemerkung: Derain wurde, von Kritiker und Bewunderern zugleich als >>Fabrikant der Meisterwerke (fabricant de chefs-d`oeuvre) bezeichnet.

Er hat in seiner Malerei – als andere sich von allen Bindungen an die Vergangenheit trennten – so viel vom schönen Handwerk der vergangenen Jahrhunderte der französischen Kunst gerettet, wie sich von diesem überhaupt noch retten ließ. Und das gelang ihm in einer geistigen Intensität, die sich sich in seinen schönsten Werken mit einer wunderbaren Musikalität auswirkt. Die künstlerische Haltung von Derain ist nicht die eines Avantgard-Künstlers, es ist die eines hochbegabten, empfindsamen Erben. Eine derartige Einstellung erfordert großen Mut – und macht einsam. Vielleicht ist das die Art von Einsamkeit, die die Bilder des Andrè Derain ausstrahlen.


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Quellen zum Artikel

  • http://www.artchive.com/artchive/D/derain.html
  • (Jedlicka) Jedlicka, Gotthard: Der Fauvismus. Zürich: Büchergilde Gutenberg, 1961.
  • (Brockhaus Kunst) F. A. Brockhaus: Der Brockhaus – Kunst. Künstler, Epochen, Sachbegriffe. Mannheim, Leipzig: Brockhaus, 2001
  • (Ferrier) Ferrier, Jean-Louis: Fauvismus – Die Wilden in Paris. Matisse, Derain, Vlaminck, Marquee, Camoin, Manguin, van Dongen, Friesz, Braque, Dufy. Paris: Editions Peirre Terrail, 1992.
  • (Hilschmann) Hilschmann, Claus (Hrsg.): Das große Lexikon der Malerei. Braunschweig: Westermann Verlag, 1982.
  • Giry, Marcel: Der Fauvismus. Ursprünge und Entwicklung. Würzburg: Edition Popp, 1981.