Aloïse oder Aloyse (1886 - 1964)

  • Art Brut – Outsider Art
  • bekannteste Frau der Art-Brut
  • geboren 1886 im schweizerischen Lausanne – gestorben 1964 in einer psychiatrischen Anstalt in Gimel-sur-Morges (Schweiz)
  • Hauptmotiv: sie selbst – in verschiedenen Rollen
  • Werke: >> Cloisonné de -théâtre <<; >>Rouleau de la nativité<<.

Aloïse oder eigentlich Aloïse Corbaz ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der Art-Brut oder auch Outsider-Art, wie diese Kunst im englischsprachigen Raum genannt wird. Fast vierzig Jahre verbrachte Aloyse in psychiatrischen Anstalten – und schuf dort ihre einzigartigen märchenhaft schönen Kunstwerke. Entdeckt für die Öffentlichkeit wurde sie von John Dubuffet, dem Vater der Art Brut. Das Werk der Aloïse verkörpert die Idee der Art-Brut fast in Reinform. Geschaffen in der Isolation einer Anstalt, sogar aus autistischen Phasen heraus und dabei doch ganz große Kunst, die den Betrachter unweigerlich in ihren Bann zieht, ist es genau die Kunst, die Dubuffet vorschwebte als er sein Konzept von Art Brut als provozierendes Gegenstück zum zunehmend kommerzialisierten Kunstbetrieb konzipierte.

Aloïse (Aloyse) Corbaz – Leben für die Liebe?

Geboren wurde Aloïse Corbaz im Jahre 1886 in der Stadt Lausanne. Im Alter von 11 Jahren stirbt ihre Mutter. Der Vater, ein Postbeamter soll ein brutaler Trinker gewesen sein. Aloïse brachte ihm große Zuneigung entgegen. Obwohl die tatsächlichen Lebensverhältnisse wohl ausgesprochen bescheiden waren, wird ihr als Tochter eines kleinen Beamten eine höhere Schulbildung ermöglicht. Sie besucht ein Gymnasium und schließt 1906 mit dem Abitur ab.

Das intelligente, neugierige und eigenwillige Mädchen – so lauten spätere Schilderungen – interessiert sich für Gesang, für die Oper. Sie träumt davon Sängerin zu werden und nimmt Gesangsunterricht. Eine professionelle Gesangsbildung lassen die beschränkten finanziellen Verhältnisse der Familie Corbaz nicht zu – eine schwere Enttäuschung für das junge Mädchen. Zudem wird von einer großen Liebe zu einem Studenten berichtet, zu deren unglücklichem Ende wohl die Schwester von Aloïse ein Stück beitrug.

1911 - Deutschland – Liebe zum Kaiser

Nach so viel gescheiterter Hoffnung beschließt Aloïse ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und verlässt im Jahr 1911 die Schweiz in Richtung Deutschland. Die Sechsundzwanzigjährige arbeitet in verschiedenen Häusern als Hauslehrerin und Gouvernante, unter anderem unterrichtet sie auch die Kinder des Hofgeistlichen von Wilhelm dem Zweiten. Während dieser Tätigkeit verliebt sich heftig in den deutschen Kaiser - eine Liebe unerwidert bleibt, die sie jedoch umso stärker in ihrer Einbildung auslebt.

1917 – Rückkehr in die Schweiz - Besessenheit

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwingt die 31-jährige Frau, zurück in die Schweiz zu gehen. Die Aloïse dieser Zeit ist zum einen berührt von den intellektuellen Auseinandersetzungen des beginnenden Jahrtausends, sie ist Vegetarierin und überzeugte Pazifistin geworden. Zum anderen ist die junge Frau zunehmend psychisch instabil geworden, was sich in fanatischen religiösen Schriften und der Vernachlässigung ihrer Person äußerst.

Aloïse wird zu einer Besessenen. Sie glaubt daran, Menschen bessern zu können und sie zum (göttlichen) Heil zu führen. Sie behauptet, mit einem Pfarrer verlobt zu sein. Sie wird gelegentlich gewalttätig. Sie leidet unter Verfolgungswahn. Voll und ganz von ihrer göttlichen Mission überzeugt, schreibt sie Briefe an Verbrecher, um diese zu heilen. Aloïse Corbaz äußerst ihre Gefühle und Gedanken derart verstörend, dass sie im Jahr 1918 in die psychiatrische Klinik von Cery-sur in Lausanne eingewiesen wird. 1920 wird sie in die Anstalt von La Rosière in Gimel-sur-Morges verlegt, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1964 leben wird.

Wahnsinnige Kunst(werke)

In den ersten Jahren ihres Aufenthaltes in der Psychiatrie soll Aloïse autistisch gewesen sein, dabei heimlich geschrieben und gezeichnet haben. Ihre Biografin und langjährige Ärztin Jacqueline Porret-Forel erzählt, dass Aloïse schon in den ersten zwei Jahren ihres Klinikaufenthaltes an einem Werk schrieb, dass eine Art in sich geschlossene Erklärung der Welt sein sollte. Schließlich musste die Wahnsinnige ihrem Eingesperrtsein einen Sinn verleihen – was sie mit Schreiben versuchte. Sie begann eine >>schizophrene<< innere Welt zu erschaffen, in der sie selbst die verschiedensten Rollen besetzte. Schnell wurde klar, dass die Innenwelt der Aloise zu ihrer ureigenen Realität heranwuchs. Parallel zu ihren Schriften, begann Aloïse zu zeichnen.

Ihre frühen Zeichnungen wurden vernichtet, denn schließlich waren es die Werke einer Kranken. Überliefert ist jedoch, dass es sich vorwiegend um Bleistiftzeichnungen gehandelt haben soll. Gezeichnet auf Papierresten, denn Zeichenmaterial stand in der damaligen Psychiatrie, die eher eine Verwahranstalt war, den Insassen nicht zu. Das änderte sich ab 1936. Mittlerweile war der Kunst der Geisteskranken eine eigene Ästhetik zugesprochen worden – erinnert sei an das 1922 erschiene, sehr erfolgreiche Buch von Hans Prinzhorn >>Bildnerei der Geisteskranken<<.

Der Leiter der Anstalt Prof. Hans Steck, sowie Aloïses Ärzte Dr. Alfred Bader und Dr. Jacqueline Porret-Forel begannen Alois Zeichnungen zu sammeln, aber erst ab 1941 wurde ihr Zeichenmaterial zur Verfügung gestellt. 

Das Motiv - Die Frau als Geliebte

Für ihre Zeichnungen verwendet Alois am liebsten Schülerbuntstifte, später dann auch Fettkreiden, manchmal sogar den Saft von Blumen und Blättern. Als Bildgrund benutzte die Künstlerin am häufigsten eine Art Einschlagpapier, das dick, dunkel und getränkt ist. Sie flickt die Blätter zusammen, und bemalt sowohl Vorder- als Rückseite. Die Kompositionen sind oft mit Collagen verschiedenster Art angereichert. Ihr gesamtes Werk dreht sich um die Idealisierung des Liebespaares, wobei Aloïse sich selbst die Rolle einer berühmten Geliebten einnehmen lässt, beispielsweise die der Julia, der Manon Lescault, der Maria Stuart oder der Marie Antoinette. Mächtige Frauenbilder sind der Hintergrund, um den die Künstlerin erzählerische oder ornamentale Szenen zeichnet. Ihre bevorzugten sind Farben sind die des Regenbogens. Aloïse erschafft eine märchenhafte Welt, durch die geheimnisvolle Frauen schweben, geschmückt mit erotischen und pflanzlichen Motiven. Am besten beschreibt wohl die Künstlerin selbst, die sich auch vielfältig schreibend ausdrückte, die Kraft ihrer Bilder:

>>Im Park von Sans-Souci, immer und immer wieder, folgt mir eine reizende weibliche Gestalt und umhüllt mich lieblich mit einem wunderbaren Lächeln, das mich von aller meiner Wehmut heilt. Ich seh`sie im Traum, in vollkommenen Rosa, wie sie als Adlertaube und Friedenskaiserin über dem wertvollen Haupt einer Majestät, des Friedenskaisers Wilhelms II., schwebt.<<
(Thèvoz; S. 16)

Die Künstlerin und die Nachwelt

Erst dreißig Jahre nach ihrer Einweisung in die Klinik bekam die Welt die Bilder von Aloïse zu Gesicht. Im Jahr 1948 stellte der Jean Dubuffet im Rahmen einer von der >> Compagnie de l'Art brut<< organisierten Ausstellung die Werke der Künstlerin aus. Seitdem gilt sie als die bedeutsamste Frau unter den Art-Brut beziehungsweise Outsider-Art Künstlern. Als Glanzstücke ihres Schaffens gilt vor allem das Spätwerk, und darunter wiederum die Rollenbilder beispielsweise das 12 Meter lange >>Rouleau de la nativité<<. Von der Kraft und Schönheit der Kunst der >>wahnsinnigen<< Künstlerin kann man sich in der >>Collection de l'Art Brut<< in Lausanne www.artbrut.ch oder auch im Kunstmuseum Solothurn www.kunstmuseum-so.ch/archiv/arc_032.html überzeugen.&


Quellen und Weiterführendes

Quellen:

  • Thèvoz, Michel: Art Brut – Kunst jenseits der Kunst. Aarau: AT Verlag Aarau, 1990
  • Peiry, Lucienne: Art Brut – Jean Dubuffet und die Kunst der Außenseiter. Paris: Flammaarion, 2005.
  • g26.ch – ein umfangreiches Kunstglossar - www.g26.ch/art_Aloïse.html

Weiterführend:

  • Die Zeitschrift für Art Brut online zum Thema Aloïse - http://www.rawvision.com/abcd/Aloïse.html
  • Ausstellungsübersicht - http://www.kunstaspekte.de/index.php?k=2723&action=webpages 
  • Aloïses Ärztin Jacqueline Porret-Forel war von ihrer Patientin nahezu bessessen und erschloss ihr Werk für die Kunstgeschichte, in verschiedenen Schriften:
  • PORRET-FOREL (Jacqueline). Aloïse et le théâtre de l’univers, Albert Skira, Geneva, 1993.
  • Publications de la Compagnie de l’Art Brut, fascicule 7, text of Jacqueline Porret-Forel, Paris, 1966.